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Bregenzer Festspiele : Ostwärts schweift der Blick

  • -Aktualisiert am

Die See-Bühne zu „Madama Butterfly“ sagt bereits: Cio-Cio-San ist nur ein zerknülltes Stück Papier. Bild: Bregenzer Festspiele / Karl Fors

Als Spiel auf dem See zeigen die Bregenzer Festspiele in diesem Jahr Puccinis „Madama Butterfly“, als Rarität gibt es Umberto Giordanos „Siberia“. Und zu russischen Künstlern sucht man generell guten Kontakt.

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          Die Bregenzer Festspiele werden seit geraumer Zeit stets mit einem Kassenschlager des Musiktheaters auf der Seebühne und anderntags mit einer Opernrarität im Festspielhaus eröffnet. Pandemiebedingt musste die bereits für vergangenen Sommer geplante Produktion von Giacomo Puccinis „Madama Butterfly“ verschoben werden. So kam es, dass An­dreas Homokis Freiluftinszenierung dieser „japanischen Tragödie“ nun just einen Tag vor jenem Stück Premiere hatte, das 1903 an der Mailänder Scala statt der geplanten „Butterfly“-Uraufführung aus der Taufe gehoben worden war. Weil Puccini damals seine Partitur nicht rechtzeitig fertigstellen konnte, gelangte ersatzweise die Oper „Siberia“ („Sibirien“) seines neun Jahre jüngeren Kollegen Umberto Giordano (1867 bis 1948) auf die Bühne. Das Libretto stammte von Luigi Illica, der zusammen mit Giuseppe Giacosa auch die Verse für Puccinis erst 1904 präsentierte Novität gedichtet hatte.

          In Bregenz hat man die Inszenierung von Giordanos selten gespieltem Werk dem jungen russischen Regisseur Vasily Barkhatov anvertraut. Auch der Dirigent Valentin Uryupin, der Lichtdesigner Alexander Sivaev, der Filmproduzent Pavel Kapinos, der Kameramann Sergey Ivanov und der Tenor Alexander Mikhailov kommen aus Russland. Die Intendantin Elisabeth Sobotka sieht darin, anders als manche Kollegen in Deutschland und der Schweiz, kein Problem im Blick auf den russischen Krieg gegen die Ukraine. So hat sie auch keinen Anlass gesehen, zahlreiche Werke russischer Komponisten, die bei sonstigen Veranstaltungen ihres Festivals in diesem Sommer auf dem Programm stehen, auszutauschen. Als Conductor in Residence wird Enrique Mazzola, der die Seebühnenproduktion im Wechsel mit Yi-Chen Lin musikalisch leitet, schon im ersten Orchesterkonzert Peter Tschaikowskys Fantasie „Der Sturm“ und Dmitri Schostakowitschs zehnte Symphonie dirigieren. Sobotka beruft sich auf langfristige Planungen und die Freiheit der Kunst, die nicht in Geiselhaft genommen werden dürfe. Man habe zudem mit allen in Bregenz auftretenden russischen Interpreten gesprochen. Niemand von ihnen verteidige Putins Überfall. Es sei wichtig, dass eine Hand ausgestreckt bleibe.

          Giordanos „Siberia“ variiert den seit Verdis „Traviata“ beliebten Topos der Entwicklung einer Opernfigur von der Hure zur Heiligen. Stephana ist als naives Mädchen von Gleby verführt worden. Beide sind „ganz unten“ geboren und streben „nach oben“. Gleby hat die junge Frau, als Kurtisane abgerichtet, in Petersburg an den Fürsten Alexis vermietet, was ihm ein luxuriöses Leben ermöglicht. Als Stephana sich in den jungen Leutnant Vassili verliebt, verheimlicht sie ihm ihr Doppelleben. Bevor jener in den Krieg ziehen soll, kommt er jedoch hinter die Sache mit Alexis, tötet den Kontrahenten und wird zu Zwangsarbeit in einem sibirischen Straflager verurteilt. Stephana ist ihres faden Alltags überdrüssig und folgt ihrem Geliebten in die Verbannung. Später taucht dort der ebenfalls straffällig gewordene Gleby auf. Stephana lehnt es ab, mit ihm gemeinsam zu fliehen. Stattdessen möchte sie den von ihm erfahrenen Fluchtweg zusammen mit Vassili nutzen. Gleby verrät sie aus Rache an die Wachen, die das Paar verfolgen. Stephana wird erschossen, Vassili ins Lager zurückgebracht.

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