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Puccini in Frankfurt : Das Schlimmste passiert im Kopf

Butterfly (Heather Engebretson, rechts) und Sharpless (Domen Križaj) Bild: Barbara Aumüller

Karg und stark: R. B. Schlathers Inszenierung von Giacomo Puccinis „Madama Butterfly“ an der Oper Frankfurt bietet präzise Personenregie und zwei eindrucksvolle Rollendebüts.

          3 Min.

          Die Violinen des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters schnarren und knurren gleich zu Beginn scharf und wach – mit einer Munterkeit freilich, der man nicht im Dunklen begegnen möchte. Der Dirigent Antonello Manacorda – vor allem geschätzt für historisch geschulte Mozart- und Mendelssohn-Aufführungen – spornt die Streicher an, Giacomo Puccinis minutiös ausnotierten Artikulations- und Strichwechseln penibel zu folgen. Zugleich steht vigoroso und ruvidamente in den Noten – kräftig und grob. Das Achtungszeichen, das hier gesetzt wird, ist bereits die erste Pointe von „Madama Butterfly“. Denn kräftig und grob geht es zu in einer Satztechnik höchster Kultur: einer kleinen Fuge. Nicht nur werden hier, vom angeblich reinen Gefühlsmusiker Puccini, Kultiviertheit und Grobheit als Chiffre wie als Ausdruck zusammengebracht, überdies ist die Fuge ein Stück Musik „im alten Stil“, etwas Alteuropäisches am Beginn eines Dramas, das von der Beziehung des ­amerikanischen Marineleutnants B. F. Pinkerton zur jungen Japanerin Cio-Cio-San handelt.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Das Publikum um 1900, das noch historische Farcen oder grausame Burlesken wie „Le roi s’amuse“ von Léo Delibes oder „Henry VIII“ von Camille Saint-Saëns im Ohr hatte, war durch solch ein satztechnisches Signal gewarnt: Alteuropäer können sich hier nicht moralisch zurücklehnen, bloß weil es um einen skrupellosen Yankee in Japan geht. Der kolonialistischen Konstellation von hier­archischem Sex und seelischer Grausamkeit im Stück gibt Puccini durch die Musik gleich eine historische Verlängerung in den europäischen Feudalismus.

          Der Regisseur R. B. Schlather, der wie die Figur des Pinkerton aus den Vereinigten Staaten kommt, hat das Stück an der Oper Frankfurt wiederum mühelos aus der Welt um 1900 in unsere Gegenwart geholt, wo Sextourismus zur Industrie geworden ist. Während die Dienstleister in den Branchen Hausvermietung und Gastronomie schwarz-weiße Livree tragen, kreuzt Pinkerton formlos in Hemd und kurzen Hosen aus dem Fast-Fashion-Discounter westlicher Shopping-Malls auf. Damit hat die Kostümbildnerin Doey Lüthi bereits viel erzählt: Schon in der Kleidung geht es Pinkerton vor allem um den schnellen Konsum von Wegwerfwaren. Frauen gehören dazu. Von kulturellen Unterschieden weiß er nichts. Dass ein Lächeln, wie die Dienerin Suzuki ihm – lächelnd! – zusingt, ein Zeichen sein kann, den Kummer zu verbergen, statt nur auszudrücken, dass man sich gut fühlt, verunsichert ihn total.

          Johannes Leiacker baute dazu eine Bühne, die nur abstrakt an Japan erinnert: Zwei Schiebewände mit quadratischem Durchguck gliedern den Raum jeweils neu, enthüllen, verbergen, vereinen und trennen die Figuren. Ansonsten herrscht äußerste Kargheit, die strengste Konzentration auf die Figuren ermöglicht.

          Vincenzo Costanzo, der als Pinkerton kurzfristig für Evan Leroy Johnson einsprang, ist ein hoch begabter Darsteller, dem man abnimmt, dass er aus seiner Sicht nichts Böses tut. Heather Engebretson als Cio-Cio-San hat ihn bezaubert. Zwischen beiden herrscht jene Spannung aus Anziehung und Scheu, die ein echtes Verliebtsein verrät: Es zieht sie zueinander, aber sie fürchten auch, einander zu verletzen und zu enttäuschen. Dieser Pinkerton ist nicht unsympathisch; er ist nur naiv und von der Legitimität seines Handelns – bei dem er sich restlos gut fühlt; er hat ja nichts anderes gelernt – überzeugt. Erst am Ende, als er nach drei Jahren zurückkehrt und begreift, das Cio-Cio-San, die ein Kind von ihm hat, es ernst mit ihm meinte, wird er zum erbärmlichen Feigling, der sich hinter dem Konsul Sharpless und seiner neuen Frau Kate Pinkerton (Karolina Makuła) versteckt.

          Engebretson gestaltet die Zerstörung von Cio-Cio-Sans Persönlichkeit mit fiebriger Präzision. Den klinisch-analytischen Blick des Regisseurs auf die Verdrängungen und Übersprungshandlungen dieser Figur – als der gutmütige Konsul Sharpless, mit Herzenswärme gesungen von Domen Križaj, ihr den Scheidungsbrief Pinkertons vorliest – setzt Engebretson in bezwingendes Spiel um. Kelsey Lauritano, als Suzuki auch stimmlich für ihre Leistung zu Recht vom Publikum gefeiert, und Jakob Fritschi als stummes Kind werden gezielt als Spiegel und Verstärker von Cio-Cio-Sans Regungen eingesetzt.

          Obwohl Costanzo als Darsteller glänzt, ist die Partie für seine Stimme noch zu groß. Er hat Mühe, dem Orchester standzuhalten. Die Konversation im Plauderton gelingt ihm flink und elegant; für die ariosen Höhepunkte fehlt ihm die Kraft. Sein Tenor verspannt sich und wird spröde, am Ende bedenklich heiser. Heather Engebretson ist eine zarte Frau mit einer starken, dabei so leichten, selbst in den Ausbrüchen scheinbar mühelosen Stimme, die vor Panik zittern und voller Hoffnung leuchten kann. Sie hat, genau wie Kelsey Lauritano als Suzuki, die Rolle zum ersten Mal in ihrem Leben auf der Bühne gesungen – mit einer Lyrik, die sich durchzusetzen weiß, ohne aufzuhören, Lyrik zu bleiben. Der Chor der Oper Frankfurt, einstudiert von Àlvaro Corral Matute, sorgt in dem berühmten Summchor, dem eigentlichen musikalischen Zentrum der Oper, für einen Moment völliger Entrückung.

          Die Regie, die weder die Kindszeugung im ersten noch den Selbstmord im letzten Akt auf offener Bühne zeigt, sondern alles Drastische in die Fantasie des Zuschauers auslagert, ist groß in ihrer Dezenz und in ihrem Vertrauen auf die Musik, die bei Manacorda in besten Händen liegt.

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