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Tanztheater Wuppertal : Mach einen Plan

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Wuppertaler Tanzwut: Szene aus dem „Neuen Stück II“ von Alan Lucien Øyen am Tanztheater Pina Bausch. Bild: Mats Bäcker

Das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch hat seine Intendantin fristlos gekündigt. Unter anderem, weil sie keinen durchführbaren Spielplan vorgelegt hat. Zugrunde liegt aber ein Streit darüber, ob der Kunst überhaupt jemand etwas vorzuschreiben hat.

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          Als Pina Bausch noch lebte, begannen Premieren mit schöner Regelmäßigkeit so: Der Geschäftsführer des Tanztheaters trat vor den Vorhang, um mitzuteilen, das Stück sei nicht ganz fertig, und es habe auch noch keinen Namen. Darin lag romantische Ironie. Kunstwerke, sagte sie, sind nie abgeschlossen; dass sie aufgeführt werden, ist eine Konzession ans Publikum. Natürlich fand die Vorstellung trotzdem statt, und auf den Spielplänen standen auch in Wuppertal pünktlich Stücke mit Namen.

          Derzeit hingegen steht in Wuppertal für kommenden September nur ein altes Stück von Bausch fest. Über den Rest der Zeit bis Sommer 2019 schweigt das Haus. Der Intendantin des Tanztheaters ist unter anderem deshalb gerade fristlos gekündigt worden: weil sie keinen durchführbaren Spielplan vorgelegt hat. Das Urteil über diese Durchführbarkeit oblag dem Geschäftsführer. Darum wird jetzt beklagt, dass er in Wuppertal das Sagen habe, sei ein „katastrophaler Strukturfehler“, denn es müsse die Kunst „das Sagen haben“.

          Meine Pläne, geprüft und in letzter Instanz bejaht – durch mich.

          Solche Redensarten laufen auf die Forderung hinaus, eine künstlerische Leitung solle über die Organisierbarkeit ihrer Pläne selbst entscheiden. Und damit im Grunde auf das, was die geschasste Adolphe Binder zwischen den Zeilen des offenen Briefes, den sie gerade geschrieben hat, vorschlägt: am besten ihre eigene Geschäftsführerin gewesen zu sein. Meine Pläne, geprüft und in letzter Instanz bejaht – durch mich. Sehen wir davon ab, dass Binder, als sie ihren Intendantenvertrag unterschrieb, nicht im Unklaren über die dortige Entscheidungsstruktur war. Wenn sie so unzumutbar kunstfremd ist, wie jetzt getan wird, weshalb hatte sie sich dann darauf eingelassen?

          Wichtiger ist: Gibt es irgendwo im Bereich staatlich finanzierter Kunst eine Einrichtung, in der es keiner organisatorischen, ökonomischen und rechtlichen Prüfung unterliegt, was eine künstlerische Leitung plant oder auch zu planen unterlässt? Den ominösen Spielplan, den ein erfahrener Geschäftsführer ablehnte, der schon vor längerem angekündigt hatte, in Wuppertal nicht weitermachen zu wollen, kennen diejenigen nicht, die jetzt behaupten, er wäre durchführbar gewesen. Teile des Spielplans, heißt es, stünden doch online.

          Es handelt sich um die vier Abende im September, die Binder im offenen Brief meinen muss, wenn sie sagt, auch aktuell würden Karten „für Wuppertal“ verkauft. Denn sonst steht nicht viel mehr in ihm drin, als dass der Spielplan „diverse Wiederaufnahmen von Stücken Pina Bauschs und anderen Choreographen“ enthalten habe. Ach, so! Namen von Stücken, Künstlern, gar von neuen Produktionen oder Termine nennt Binder nicht. In Wuppertal ist die Ironie bitter geworden. Die künstlerische Leitung tritt vor den Vorhang und behauptet: Das Stück wäre fertig gewesen, es hat auch einen Namen; aber wir können weder sagen, wie es heißt, noch, von wem es ist und wann es gezeigt worden wäre. Man kann ein Aufsichtsgremium gut verstehen, das dafür kein Verständnis aufbrachte. Natürlich aber nur, wenn man findet, dass der Kunst überhaupt jemand etwas zu sagen hat.

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