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Thalheimers „Macbeth“ in Berlin : Gebete an Götter, die man verleugnet

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Ihr Gift in seinem Ohr lehrt ihn den Tanz am offenen Grab: Constanze Becker und Sascha Nathan als königliches Paar, Tilo Nest als toter Banquo. Bild: Marcus Lieberenz

Eine stark stilisierte und starr gestellte Fantasiewelt, die bitter ernst inszeniert wird: Michael Thalheimer inszeniert „Macbeth“ mit Constanze Becker und Sascha Nathan am Berliner Ensemble.

          Dann also los, mitten hinein ins „Gedärm der Zeit“. Wo alles blutig ist und kalt, zerquetscht und losgerissen. Kein Anfang und kein Ende gibt es hier, nur immer weiter Wüste, Schlachtfeld, Grauen. Begonnen habe alles doch mit Recht und Unschuld, sagen sie, aber das ist Lüge. Gewalt und Schrecken ist das Fundament, auf dem wir Menschen taumeln. Von jeher verlassen, ausgeliefert dem nackten Wahn des Nächsten. Über Schicksal, Götter wollen wir nicht reden, denn: „Was ist noch heilig zwischen Kot und Blut?“

          Aus dem dichten Nebel treten die Schatten. Zuckend schleppen sie sich über den kreisenden Bretterboden, das Licht fällt fahl, der süßliche Geruch von Kunstblut liegt in der Luft. Ein Metronom gibt unnachgiebig den Takt vor, darüber schallt Musik wie im Film beim Aufmarsch von Truppen.

          Zehn leuchtende Nebelventilatoren kreisen im Hintergrund wie glühend-feurige Augen. Davor steht Macbeth mit dumm verzogenem Mund. Jedes Wort, das er hervorbringt, ekelt ihn, das Grunzen ist ihm lieber als das Sprechen, statt Schwertern hätte er lieber Wünschelruten in der Hand oder Blindenstöcke, aber die Frau will es so. Will, dass er herrscht und ruchlos mordet, den Dolch gibt sie ihm in die Hand. „Bist du kein Mann“, keift sie, „fürchtest du dich davor, zu werden, was du bist im Traum?“ Aber er träumt gar nicht, der arme Mann, er will nur schlafen. Wer wirklich träumt, ist sie.

          Von Nacktheit, Blut und Gift

          In blauen Stöckelschuhen tritt sie hier auf, Lady Macbeth im Cocktailkleid aus Krokodilstränen, in dessen Falten sie ihre Nägel gräbt: Constanze Becker als die kälteste Grausame der Dramengeschichte – was hätte das werden können. Aber Michael Thalheimer, ihr alter Leib-und-Magen-Regisseur, setzt diesmal auf ein anderes Zugpferd. Sascha Nathan als Macbeth bekommt all seine Blicke, ihn zieht er immer wieder in die Mitte, lässt ihn mit seinem massiven nackten Körper allein vor dem Publikum stehen.

          Barbusige Hexen und schlammige Erdgeister springen ihm auf den Rücken, schmieren ihm Blut auf die Backe, greifen nach seinem Geschlecht. Aber das wahre Gift sind die Worte der Lady in seinem Ohr.

          Durch sie wird er mächtig und irr, ein hilfloser Schlächter, der nach seiner Mordtat quietscht wie ein armes Schwein. „Wer will schon auf die Schlachtbank“, kreischt er und schlägt die Fingerknöchel gegen den Kopf, als wären die bösen Bilder dort zu verdrängen durch einen leichten Ruck.

          Zwischen Klassenkampf und Fäkalsprache

          Ein gemarterter Bauer tritt auf, der seinen Pachtzins nicht gezahlt hat und dafür „ans Tor gespießt“ wird. Und ein geschwätziger Pförtner, dem man den Hals „richtet“ – hinzuerfundenes Personal, um Shakespeare „konkret“ zu machen. Heiner Müller heißt der Übersetzer, sein scharf-schnippischer, mitunter scheppernder Duktus ist es, den man an diesem Abend an Müllers alter Wirkungsstätte, dem Berliner Ensemble, hört.

          Müller hat Shakespeares Drama 1972 nicht nur übersetzt, sondern für die selbst imaginierte Gegenwart übertragen, behutsam materialisiert sozusagen und auf den richtigen Klassenstandpunkt gebracht (Müller: „Bauern kommen bei Shakespeare nicht vor“). Aber so richtig kann die moderne klassenkämpferische Belehrung nicht mithalten mit der brachialen Schicksalsgewalt des Originals.

          Die berühmte Prophezeiung vom wandelnden Wald und ungeborenen Kämpfer lässt jede Ideologiekritik im Abseits stehen. Der Übertragende hat das gemerkt und daher bis auf wenige Ausnahmen – Müller sieht beispielsweise vor, dass dem toten Banquo das Geschlechtsteil abgeschnitten und dem irren Macbeth als Trophäe überbracht wird – auf dramaturgische Eingriffe verzichtet. Nur die Sprache ist seine, die besondere Vorliebe fürs roh Fäkale auffällig. Bei Thalheimer allerdings tritt das zurück hinter den großen Drang zum starken Bild.

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