https://www.faz.net/-gqz-6mkz3

„Macbeth“ auf der Ruhrtriennale : Das Durchmessen der Dämmerung

Endspieler: Bruno Cathomas als Macbeth und Maja Schöne als Lady in der Gladbecker Maschinenhalle Zweckel Bild: dpa

Die eigene Impotenz gebiert den Hass auf die Nachkommen der anderen: Der Monumentalist Luk Perceval wandelt sich in einer Gladbecker Maschinenhalle mit Shakespeares „Macbeth“ zum ingeniösen Minimalisten.

          4 Min.

          Die Maschinenhalle der ehemaligen Schachtanlage Zweckel in Gladbeck ist ein Schloss. Die Symmetrie des 126 Meter langen Gebäudes, die Freitreppe vor dem Mittelrisalit, die hohen Sockelgeschosse, die repräsentative Beletage, das abschließende Mezzanin, die arkadenartigen Fensterreihen, die Gliederung der Wand durch Lisenen und Blendbögen – das alles macht sie zu einer herrschaftlichen Erscheinung. 1909 vom königlich-preußischen Staat errichtet, adelt der Ziegelmauerbau die Technik: Kompressoren, Generatoren und Umformer werden zur „elektrischen Centrale“ zusammengeführt. Ein Schloss der Arbeit, deren Spuren, seit diese hier 1963 ausgezogen ist, verblassen. Auch Schornsteine und Kühltürme sind verschwunden; Schmutz und Witterungsschäden wurden entfernt.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Als Luk Perceval die Schauplätze der Ruhrtriennale abklapperte, ließ ihn die Maschinenhalle sofort an „Macbeth“ denken. Und das, obwohl ihr gediegener Historismus so ganz anders aussieht als jede Vorstellung des Schlosses Dunsinane in den Hügeln von Perth in Schottland, mit seinen Hexenprophezeiungen und dem wandernden Birnamwald, mit Spuk und Geistererscheinungen.

          Was den flämischen Theatermann inspirierte, war der Raum, der, fünfzig Meter breit und mit einer riesigen Fensterfront, herkömmliche Bühnenmaße sprengt. Hier konnte eine Aufführung entstehen, die trotz vieler Verluste den von der Ruhrtriennale proklamierten Anspruch wie wenige vor ihr einlöst: Wird sie nicht einfach in die Industriearchitektur hineingesetzt, sondern aus deren Formen und Vorgaben heraus entwickelt.

          Sprengt normale Bühnenmaße: Die Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck

          In seinem Innern brütet und brodelt es

          Das Breitwandpanorama, die Geschichtsspuren, die Maschinenrelikte und das Licht füllen den Raum mit disparaten Bedeutungspartikeln. Bühnenbildnerin Annette Kurz hat vor die Fensterwand eine Skulptur aus Tischen gesetzt, die – übereinander gestapelt, auch ineinander verkeilt – bis auf zehn Stockwerke hochsteigt. Imposant und fragil, bietet sie Nischen zum Zurückziehen und Beobachten, und das Abendlicht, das einfällt und langsam nachlässt, umgibt, vielfach gebrochen, die Figuren mit einer Aura der Vergänglichkeit. Das Publikum sitzt auf Tribünen an der gegenüberliegenden Längsseite. Hunderte schwarze Soldatenstiefel liegen auf dem Boden verstreut. „Macbeth“ oder das Durchmessen der Dämmerung.

          The Party is over. Viele leere Flaschen und schmutzige Gläser stehen herum, nur an der Seite liegen noch weiße Decken auf den Tischen. Eine elegante Frau im engen stahlblauen Kleid, Maja Schöne als schillernde, kapriziös verspielte Lady Macbeth, stöckelt herein, tanzt eng und exaltiert mit König Duncan im dunklen Anzug, flirtet, spielt, lacht mit ihm. Nichts Ernstes. Es ist vor allem an den eigenen Mann gerichtet. Starr und stumm steht er außen links und bewegt sich nicht vom Fleck, die Hände in die Hosentaschen, wie festgefroren: Ein Kriegsheimkehrer, den die Greuel des Schlachtfelds traumatisiert haben, ist der Macbeth von Bruno Cathomas, ein Stand-Bild, das steht und nicht wankt. Doch in seinem Innern brütet und brodelt es. Noch hat er nicht verarbeitet, was er erlebt hat; noch weiß er nicht, wohin mit seiner verletzten Wucht.

          Weitere Themen

          Das Ende des Urheberrechts ist nahe

          Medienstaatsvertrag : Das Ende des Urheberrechts ist nahe

          Der von den Ländern kürzlich beschlossene Medienstaatsvertrag gilt als große Sache: Endlich würden auch die großen Online-Konzerne reguliert. Aber wie? Auf Kosten der Urheber.

          Topmeldungen

          Die Nürnberger Professorin Veronika Grimm soll die Wirtschaftsweisen verstärken.

          Wirtschaftsweisen : Der Sachverständigenrat wird weiblicher

          Veronika Grimm und Monika Schnitzer sollen in das Beratergremium der Bundesregierung einziehen. Die Reaktionen auf die Besetzung der beiden Wissenschaftlerinnen fallen positiv aus – doch es gibt einen Makel.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.