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Nibelungenfestspiele in Worms : Der Reformator als der große Abwesende

Medici-Papst vor dem Dom zu Worms: Sunnyi Melles als Leo X. Bild: David Baltzer

Worms im Jahr 1521: Ein Mönch erschüttert die alte Ordnung. Lukas Bärfuss beschreibt in seinem neuen Theaterstück „Luther“ eine Welt im brutalen Umbruch.

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          Wer von Luther spricht, spricht vom Glauben. Er spricht aber auch von Politik, Macht, Religionskriegen und Gewissenskämpfen. Vor fünfhundert Jahren zog Martin Luther nach Worms am Rhein, um sich zu rechtfertigen und einen sündhaften Papst vom sündigen Thron zu stoßen. Vierhundertvierzig Jahre danach tat es ihm ein anderer Martin gleich und pilgerte nach Tutzing am Starnberger See, um einen Wettbewerb zu gewinnen und das evangelische Kirchenlied zu reformieren. Noch heute erzittert die Online-Enzyklopädie Wikipedia geradezu angesichts der Tollkühnheit dieser Tat und bezeichnet Martin Gotthard Schneiders Beitrag zur damals aufkommenden Gattung Neuer Geistlicher Musik als „gewaltigen Befreiungsschlag gegen die Macht kirchenmusikalischer Eliten“. Die Namen der kirchenmusikalischen Päpste und Kardinäle, deren Throne damals stürzten, dürften zwar vergessen sein, aber „Danke für diesen guten Morgen“, das einzige geistliche Lied, dass je in den deutschen Single-Charts geführt wurde, ist noch immer ein schönes Selbstzeugnis protestantischer Glaubenskultur: gänseschmalzweich und hammerhart.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Die Schweizer Jürg Kienberger und Christoph Marthaler haben „Danke“ in ihrem legendären Volksbühnen-Abend „Murx den Europäer“ 1993 in eine sich langsam zuziehende Endlosschleife überführt: Jede Strophe wurde einen Halbton höher gesungen als die vorige, bis den nur noch Kopftöne piepsenden Sängern am Ende buchstäblich die Luft ausging. So zeigten sie, wohin die Feier der eigenen Gläubigkeit führen kann: zu andächtiger Selbstentzündung, über die sofort die Brandschutzdecke der Demut geworfen werden muss. Ein guter Protestant führt sich an kurzer Leine. Damit auch die Sau mal Ausgang hat, hatte Gott schließlich schon den Katholiken geschaffen.

          Es gibt viel Musik an diesem Abend auf der Freilichtbühne vor dem Dom in Worms. Irgendwelche Einsichten vermittelt sie nicht. Es gibt ein paar Takte von den Eagles (Hotel California, was sonst), ein paar Takte Madonna (Like a virgin, oh weh), und es gibt einige Schauspieler, die womöglich nur engagiert wurden, weil sie so gute Sänger sind, denn als Schauspieler sind sie leider weniger gut. Musikalisch machen Flora Lili Matisz, Anna Szandtner und Maté Borsi-Balogh aber wirklich Eindruck. Sie sorgen für nahezu alles, was dieser Inszenierung allzu oft fehlt: Atmosphäre, Tempo, Dynamik, Intensität. Ildikó Gáspár hat sie und weitere Akteure aus Budapest mitgebracht, wo sie sich als Hausregisseurin am Örkény-Theater einen Namen gemacht hat. Man hört also viel ungarischen Akzent an diesem Abend.

          Sunnyi Melles füllt die Bühne mühelos aus

          Aber das stört keineswegs, denn sprach nicht auch das Heilige Römische Reich deutscher Nation in vielen Zungen? Der Papst in Rom, Leo X., in Worms gespielt von einer fulminanten Sunnyi Melles, war Italiener; Kaiser Maximilian I. residierte als Österreicher vor allem in Innsbruck, taucht aber auf der Bühne ebenso wenig auf wie die Hauptfigur des Abends. Büchnerpreisträger Lukas Bärfuss hat sein Stück zwar „Luther“ genannt, den Reformator aber als den großen Abwesenden angelegt. Das entbehrt nicht einer gewissen Logik, denn Luther war nicht zuletzt dies: ein irrwitziges Gerücht, das sich in Windeseile verbreitete, eine umstürzlerische Lehre, über die heftigst gestritten wurde, ein kraftvolles neues Zentralgestirn innerhalb des Reiches, das anzog oder abstieß. In der Welt um 1520, wie sie hier anhand einer Handvoll von Figuren entworfen wird, ließ Luther niemanden unberührt.

          Jürgen Tarrach (links) und Jan Thürmer grübeln über Luther bei den Nibelungenfestspielen in Worms
          Jürgen Tarrach (links) und Jan Thürmer grübeln über Luther bei den Nibelungenfestspielen in Worms : Bild: David Baltzer /Nibelungen-Festspiele Worms/dpa

          Lukas Bärfuss, Schweizer wie Marthaler und Kienberger und vertraut mit den eidgenössischen Erscheinungsformen des Protestantismus, hat das gute Dutzend seiner Figuren nach drei Kriterien ausgesucht: Haben sie eine der gängigen Positionen im Konflikt um Luther eingenommen? Lässt sich an ihnen eine Zeitströmung veranschaulichen? Birgt ihre Lebensgeschichte Züge, aus denen sich dramatisches Kapital schlagen lässt? So wird vieles schlaglichtartig beleuchtet: Der Aufstieg von Bürgertum und Fernhandel, Fürstenwillkür und Bischofsgier, das üble Geschäft des Ablasshandels und das Ende des klassischen Raubrittertums in Brandenburg, wo Kurfürst Joachim Ritterköpfe rollen lässt, aber nicht verhindern kann, dass seine eigene Frau, Elisabeth von Dänemark, Luthers Lehren folgt. Dass Familienkriegen in Europas Hochadel auch Kriege auf Europas Schlachtfeldern folgen mussten, liegt auf der Hand, ebenso wie der Aufstieg der Finanzwirtschaft, verkörpert vom Augsburger Fugger, dem mächtigsten Mann seiner Zeit. Den Fugger, sagt Joachims verschlagener Bruder Albrecht, den Jürgen Tarrach als Prachtexemplar eines widerwärtigen Bischofs spielt, könne man nicht umbringen. Er sei kein Mensch, sondern ein Kreditinstitut.

          In solchen Momenten blitzt im Text etwas auf, aber sie sind zu selten. In anderen Momenten setzt die Regie ihre Effekte, aber sie sind zu grell. Oder zu plump. Oder zu altbacken. Überraschende Einfälle bleiben die Ausnahme auf der von Lili Izsák erst funktional gestalteten und dann golden angepinselten Bühne. Für die arg bemühten Auftritte von Jan Thümler als Kurfürst Joachim von Brandenburg und Julischka Eichel als seine widerspenstige Gemahlin Elisabeth von Dänemark ist sie meistens zu groß. Nur Sunnyi Melles füllt sie mühelos aus – mit ein paar Gesten, ein paar Blicken und einer großartigen Phrasierung. Mal kriechen ihr die Worte aus dem Mund wie zerschlagene Sünder aus dem Beichtstuhl, dann wieder lässt sie sie aufmarschieren wie die Landsknechte, die Europa ein Jahrhundert später in Schutt und Asche legten. Ihr Leo X. bringt eine gute Portion Medici in die Nibelungenstadt. Ein klassischer Renaissancefürst: skrupellos, dekadent und zerrissen zwischen alter Macht und neuer Welt. Von Leos liebstem Gefährten, dem Elefanten Hanno, den ihm Portugals König zum Geschenk machte, sieht man an diesem Abend nur den Rüssel, der aus einer Luke ragt. Der Elefant spielte seine Rolle also eher zurückgenommen. Sein Rüssel war sehr überzeugend.

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