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Prosa gegen Drama : Die Selbstverteidigung der Formate

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Sie allein hätte uns viel erzählen können: Gjertrud Jynge in Luk Percevals Inszenierung der „Trilogien“ von Jon Fosse Bild: Erik Berg

Was geschieht, wenn alles egal ist? Wenn keine Unterscheidungen mehr gemacht werden zwischen Gattungen, Formaten, Eigenarten? Luk Percevals Adaption von Jon Fosses „Trilogie“ gibt Antwort auf diese Fragen.

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          Die Frage mag schon etwas in die Jahre gekommen sein, aber das heißt ja nicht, dass man sie nicht jederzeit von neuem diskutieren kann. Und so tun, als wäre es wirklich eine Frage und nicht nur ein weiterer Anlass, um wieder ein paar gelbe Klebezettelchen zu verteilen, auf die mit beschreibungsschwachem Filzstift Begriffe wie „altmodisch“ oder „fortschrittlich“ gekritzelt sind. Was unterscheidet Dramatik von Prosa, fragt Michael Wolf, ein junger, in Hildesheim ausgebildeter Kolumnist auf „nachtkritik.de“, dem verdienstvollen Online-Forum des Theaterbetriebs, und kommt zu dem Schluss: Nicht viel.

          Denn letztlich handele es sich bei beiden Gattungen um Text, und der sei eh „längst nur noch ein Element des Theaters neben vielen anderen wie Video, Körperlichkeit, Objektkunst, installativen Zugängen und so weiter“, also gehe es auch nicht um das „warum“, sondern nur um das „wie“ einer Prosa-Adaptation auf der Bühne. Da der Erfolg eines Theaterabends inzwischen sowieso von anderen Faktoren abhänge, lohne sich eine Unterscheidung zwischen Drama und Prosa nicht mehr, so muss man Wolf verstehen, der betont, „es sollte nicht um Formate gehen, sondern um Qualität“.

          Das große Egal

          Mag sein, dass der Text beim Theater heute in der Tat mitunter nur noch eine Rolle unter vielen spielt, aber deswegen gleich die ganze Gattungsunterscheidung über Bord werfen? Was auf diese Weise nämlich gestärkt wird, ist das große undifferenzierte „egal“. Egal, ob Sachbuch, Roman, Film oder Videospiel – alles ist Literatur, alles ist Text, also alles auch auf der Bühne darstellbar. „Es sollte nicht um Formate gehen“, heißt übersetzt für die Regie: Verachtet die Unterschiede, ebnet jede Eigenart ein, macht alles gleich und schreibt mit eurer Künstler-Handschrift darüber, damit es „Qualität“ hat. Die „ästhetische Setzung“ ist inzwischen tatsächlich oft das entscheidende Kriterium bei der Bewertung eines Theaterabends. Man ist gebannt von der Inbesitznahme eines Bühnenraums durch Technik und Projektionen, lässt sich – auch nicht zu Unrecht – beeindrucken von unerbittlich sich drehenden Scheiben oder filigranen Roboter-Greifarmen, die das Geschehen bestimmen.

          In guter Hoffnung

          Auch bei Luk Percevals gerade in Frankfurt gastierender Inszenierung des religiösen Erzählreigens „Trilogie“ von Jon Fosse ist man zunächst überwältigt von der mutig schlichten Besetzung des Bühnenraumes. In dichten Nebel gehüllt, liegen vier Ruderboote umgekehrt auf regennassem Grund. Von weit hinten erscheint aus dem Halbdunkel eine gebückte Frau mit zitternder Hand, sie flüstert vor sich hin, scheint mehr mit sich selbst zu sprechen, verfällt hin und wieder in eine Gollum-Stimme, krächzt, überschlägt sich, atmet schwer. Dann beginnt sie zu erzählen. Beschreibt die Umgebung, das Land, die Schwere der Herzen dort, wo ihre Geschichte spielt, an einem norwegischen Küstenort, im kalten Spätherbst.

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