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Zwei Premieren in Hamburg : Zu wund gerieben für ein bisschen Glück

Erst gebogen, dann gebrochen: Tilo Werner als Willi Kufalt in Luk Percevals neuer Fallada-Inszenierung. Bild: Armin Smailovic

Unterschiedlicher hätten die beiden Theater-Premieren am Wochenende in Hamburg nicht sein können: René Pollesch lässt am Schauspielhaus stampfen, Luk Percevals Fallada-Inszenierung kommt gleitend daher.

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          Willi Kufalt hat seine Strafe verbüßt. Nun wird er aus dem Gefängnis entlassen. Zum Abschied soll er noch einmal zum Direktor. In Luk Percevals Hamburger Inszenierung von Hans Falladas Roman „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“ kann Tilo Werner als Kufalt ruhig, starr und mit hängenden Armen in der Bühnenmitte stehen bleiben, denn der Anstaltsleiter kommt zu ihm. Er thront auf einer Art Aktenwagen mit integrierter menschlicher Antriebseinheit: oben sitzt Bernd Grawert als Direktor, unter ihm kauert Oliver Mallison als krummgebuckelter Untergebener, der sich gliederverrenkend in das schmale Fach zu falten hat, das für ihn vorgesehen ist. Der Direktor befiehlt, der Untergebene schiebt.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Alles, was an diesem Abend über die Bühne des Hamburger Thalia Theaters rollen wird, auf Bürodrehstühlen oder dem fahrbaren Gitterbett, mit dem die großartig schillernde Christina Geiße in schlabbriger Unterwäsche als Furie des Verlangens später rotiert wie ein alle Männer dieser Welt verschlingen wollender Lustbrummkreisel, wird von der Energiequelle angetrieben, die Unterdrückung heißt, von der Lust daran, sich einen anderen zu unterwerfen oder von ihm unterworfen zu werden.

          Percevals mit leichter Hand sorgfältig gearbeitete Inszenierung führt diese Lust vor, wenn Bernd Grawerts Gefängnisdirektor sich Kufalts Daumen in den Mund steckt, als wollte er ihm das Mark aus den Fingerknochen saugen. Oder wenn Stephan Bissmeier als pharisäischer Pastor Marcetus sein Schäflein Kufalt niederknien lässt und eine Reitgerte dabei schwingt wie einen Dirigentenstab. Oder wenn Oliver Mallison, der wie seine Kollegen mehrere Figuren spielt, als Strichmädchen Ilse kaum aufhören kann, dem zusammengeschlagen am Boden liegenden Kufalt Fußtritte zu versetzen. Brutale Gewalt ist die Kraft, die dafür sorgt, dass sich die Erde dreht. Liebe wäre nötig, um sie zumindest einen Moment lang stillstehen zu lassen. Aber Falladas Kufalt ist ein Woyzeck der Weimarer Republik, zu abgehetzt und wund gerieben noch für das kleinste bisschen Glück.

          Eine überzeugend bedrohliche Groteske

          Nach „Kleiner Mann, was nun“ (2009) und „Jeder stirbt für sich allein“ (2012) ist „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“ nun der dritte Roman Falladas, den Luk Perceval für die Bühne adaptiert hat. Fallada, Alkoholiker, Morphinist und 1947 im Alter von nur 53 Jahren an den Folgen seiner Sucht gestorben, verarbeitete im 1934 erschienenen „Blechnapf“ die Erfahrungen, die er nach knapp dreijähriger Haftzeit im Gefängnis Neumünster machte, wo er wegen Betrugs und Unterschlagung eingesessen hatte. Kufalts Vorsatz, ein ehrliches Leben zu führen, bescheiden, aber ehrbar, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt, denn niemand gibt einem ehemaligen Sträfling eine Chance. Wer unten ist, wird getreten, wird vernichtet wie eine bösartige Mikrobe, wie Fallada über sein Alter Ego Kufalt schrieb.

          Perceval inszeniert den Roman als Tragödie der Hilflosigkeit, die er mit grotesken Elementen immer wieder ins Komödiantische wendet. Das ist mehr als überzeugend, solange das Groteske seinen bedrohlichen Unterton bewahrt, etwa bei Bernd Grawerts gepeinigtem Beerboom, und scheitert einige Male, wenn der Klamauk seine Eigendynamik entwickelt.

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