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„Ulisse“ an der Oper Frankfurt : Und am Ende begegnet er Gott

  • -Aktualisiert am

Mondän: Szene aus Luigi Dallapiccolas „Ulisse“ an der Frankfurter Oper mit Katharina Magiera Bild: Barbara Aumüller

Schauen, erstaunen, noch einmal schauen: Tatjana Gürbaca inszeniert Luigi Dallapiccolas „Ulisse“ aus dem Jahr 1968 an der Oper Frankfurt.

          3 Min.

          Als Luigi Dallapiccolas Oper „Ulisse“ 1968 an der Deutschen Oper Berlin Premiere hatte, da stieß das Werk auf Unverständnis. Inmitten der Studentenrevolte konnte eine Oper, die den Helden des griechischen Mythos als Sinnsucher und Gottfinder präsentierte, auch auf nichts anderes hoffen. Es gab eben schon damals jene Art von Zeitgenossen, die immer genau wissen, was „die realen Probleme“ sind, denen sich gefälligst auch die Kunst zu widmen habe.

          Vielleicht liegt es daran, dass Dallapiccolas Oper und überhaupt sein ganzes Œuvre hierzulande recht wenig bekannt sind – am ehesten bekommt man noch „Il prigioniero“ zu hören, aus dem halben Missverständnis heraus, dass es sich hier um ein primär politisches Werk handle. Der „Ulisse“ versteht sich als Summe von Dallapiccolas Schaffen, was sich auch in den zahlreichen Selbstzitaten aus früheren Werken spiegelt, die zumindest von hiesigen Ohren nicht erkannt werden können. Es ist das Verdienst der Oper Frankfurt, das Werk wieder in seiner Komplexität zur Diskussion gestellt zu haben; und es ist zu hoffen, dass von dieser Frankfurter Erstaufführung zumindest eine kleine Dallapiccola-Renaissance ausgehen wird.

          Dallapiccola, seit seiner Jugend fasziniert von der Schönberg-Schule, hatte sich seine höchst individuelle Form der Zwölftontechnik angeeignet, die tonale Berührungspunkte nicht meidet, eine ungewöhnliche Klangfarbigkeit entwickelt (manchmal klingt es wie erweiterter Debussy) und in der durchweg gesanglichen Stimmführung das italienische Erbe keineswegs verleugnet.

          Ein Jedermann mit Basecap und kurzen Hosen

          Dass die Frankfurter Oper dem gerecht wird, das orchestrale und sängerische Niveau von hoher Qualität ist, war zu erwarten; der Chor, ein Hauptdarsteller des Stücks, unter der Leitung von Tilman Michael leistet Großartiges; das Museumsorchester, dirigiert von Francesco Lanzillotta, schillert in allen Farben. Es ist jedoch Tatjana Gürbacas Inszenierung, die auch den existenzialphilosophischen Aspekten von Dallapiccolas eigenem Libretto gerecht wird.

          Belagerungszustand: „Ulisse“ an der Oper Frankfurt
          Belagerungszustand: „Ulisse“ an der Oper Frankfurt : Bild: Barbara Aumüller

          Dabei beginnt der Abend scheinbar beliebig, mit leicht gekleideten Menschen, die auf einem künstlichen Hügel herumschlendern, inmitten von Pfeilern, in denen man mit etwas gutem Willen die Ruinen eines antiken Tempels erkennen mag. Eine Dame mit nach oben gerecktem Schirm, die eine Gruppe anführt, macht deutlich: Hier scheint es sich um Touristen zu handeln. Die Kostümbildnerin Silke Willrett hatte wohl schon länger keine Begegnung mit der grausigen Realität massentouristischer Gewandung.

          Ein Jedermann mit Basecap und kurzen Hosen wird aus der Menge herausgegriffen und rituell bemalt – er entpuppt sich beim Einsatz des Orchesters als Odysseus, und damit ist schon ein Grundthema der Oper angesprochen: die Dialektik dieses Reisenden, der sogar als Herrscher von Ithaka in der Fremde den sozialen Tod erlitten hat, zum Niemand geworden ist.

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