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Schlossfestspiele trotz Corona : Wie geht es weiter in Ludwigsburg?

  • -Aktualisiert am

Edivaldo Erneso bei der Tanzperformance zu „I can’t breathe“ von Georg Friedrich Haas. Bild: Reiner Pfisterer

Jochen Sandig ist neuer Intendant der Ludwigsburger Schlossfestspiele. Er will nachhaltig wirtschaften und muss deshalb schon jetzt über die Coronakrise hinausdenken.

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          Man müsse es so spielen, dass die Fliegen in der Luft tot herunterfallen und das Publikum aus reiner Langeweile beginnt, den Saal zu verlassen, sagte ein verbitterter, zynischer Dmitri Schostakowitsch einst über sein letztes Streichquartett. Doch wie fatal wäre das – jetzt, wo die Menschen endlich wieder kommen durften zu den Ludwigsburger Schlossfestspielen und bestimmt nicht gleich wieder gehen werden. Es ist für alle Beteiligten ein besonderer Moment, für die Zuhörer, den Intendanten und nicht zuletzt für das Mandelring Quartett, das im Ordenssaal des Ludwigsburger Schlosses zum ersten Mal nach der Pause wieder live vor Publikum Musik machen darf.

          Die Ludwigsburger Schlossfestspiele fanden in einer Corona-tauglichen Version statt, mit einer „Al fine da capo“ betitelten Finalwoche und einer Handvoll Konzerten, die tatsächlich in Präsenzform vor versprengten Stuhlinseln abgehalten werden konnten. Und so ungewöhnlich sich diese neue Festival-Normalität auch anfühlt, mit Desinfektionsmittel-Spender, Maskenpflicht und Einbahnstraßen für Besucher – als das Publikum seine Plätze eingenommen hat, ist alles erstaunlich vertraut. Während Bilder von Sicherheitsabstand haltenden Orchestern oder Klavierkonzerten, zu denen der Pianist per Video zugeschaltet ist, berechtigte Zweifel daran ließen, dass hier so musiziert werden kann, wie man es sich wünscht, schlägt nun die Stunde der Kammermusik.

          Das Mandelring Quartett klingt warm und bauchig, spielt mit einer Expressivität, die sich weniger in pointierten Extremen zeigt als in einem ganzheitlichen, von den Mittelstimmen getragenen Miteinander. Selten schrill, dafür singend im Charakter, mit dosierten Schärfen und ganz gezielten Ausbrüchen. Schostakowitschs achtes Quartett mit seiner klingenden, aus Tonbuchstaben gebildeten Signatur D-es-c-h mutet streckenweise orchestral an. Die sechssätzige Trauermusik des fünfzehnten Quartetts polarisiert mit seinen scharfkantigen Effekten am stärksten.

          Auch der Intendant ergreift das Wort. Für Jochen Sandig, Gründer des Berliner Radialsystems, ist es das erste Jahr als Leiter der Schlossfestspiele, und größer könnte die Herausforderung kaum sein. Nicht nur, weil es galt, ein umfangreiches Festival in mühsamen Einzelfallentscheidungen so gut wie möglich zu erhalten – operierend mit Ausfällen, Aufschüben, Programmänderungen, Streams und alternativen Formaten. Sondern vor allem, weil Sandig kein Geheimnis daraus macht, dass er dieses Festival mit Visionen, Weitblick und dem ambitionierten Ziel übernommen hat, die Ludwigsburger Schlossfestspiele, ausgehend von den Zielen für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen, als ein zukunftsweisendes und modellhaftes Festival mit überregionaler Strahlkraft zu etablieren. Ein Projekt, für das die Förderung der Stadt Ludwigsburg unentbehrlich ist, mit der die komplementäre Landesförderung steht und fällt. Jener Stadt wohlgemerkt, die jüngst ihren Brunnen das Wasser abgedreht hatte, um Kosten zu sparen. Es ist eine ungewisse Zukunft, auch für Festivalmacher. Den Worten Taten folgen zu lassen gelang mit der reduzierten Festivalversion.

          Kurzfristig wurde Georg Friedrich Haas’ im Gedenken an den 2014 Polizeigewalt zum Opfer gefallenen schwarzen Amerikaner Eric Garner komponiertes „I can’t breathe“ auf das Programm gesetzt. Als Vorspiel zu einem klassischen Liederabend, vor den verschlossenen Türen des Schlosses. Diesem Statement gegen Rassismus konnte sich das auf Einlass wartende Publikum, selbst wenn es denn wollte, schwer entziehen. Der Intendant protokollierte alles mit dem Smartphone. Womöglich kann sich dieses Dokument beim Vorsprechen vor der Lokalpolitik noch als nützlich erweisen.

          Im anschließenden Konzert ging es um Ludwig van Beethovens Volksliedbearbeitungen, die er für den Edinburgher Musikliebhaber George Thomson komponierte. Seinerzeit waren sie ein Misserfolg, sowohl in Schottland als auch in Deutschland. Christoph Prégardien arbeitete jetzt singend heraus, wie stark stilisiert diese Volksmusik ist und dass sie im kurzweiligsten der Lieder, „Sally in our Alley“, theatralische Züge trägt. Das Oberon Trio erinnerte mit den Variationen über „Ich bin der Schneider Kakadu“ und dem „Gassenhauer“-Trio op. 11 daran, dass Beethoven nie die Nähe zum Pop seiner Zeit verschmähte: humoristisch, mit widerspenstig dialogisierenden, „Nein, doch!“ blökenden Streichern oder energiegeladen, wie beim Eröffnungsmotiv von op. 11, in dem die Töne wie Pfeile aus einem gespannten Bogen herausschossen.

          Beim Abschlusskonzert mit Musikern des Festspielorchesters wurden schließlich auch die modernen Ambitionen des Festivals deutlich. Eine Auswahl aus Béla Bartóks 44 Duos für zwei Violinen traf auf Perkussionskompositionen von Neutönern wie Iannis Xenakis oder Frederic Rzewski. Ein kleiner Vorgeschmack darauf, was in Zukunft möglich sein könnte, sollte das Festival nach den Wünschen Sandigs und mit dem zusätzlich gewonnenen Wissen über digitale Formate gedeihen und sich weiter verästeln. Schon in diesem Jahr hatte man mit Beethovens Pastorale als online zu betrachtender „Pixelsinfonie“ neue Pfade betreten. Dass ausgerechnet dessen Forderung „Die Kunst will von uns, dass wir nicht stehenbleiben“ Leitspruch für das diesjährige Festival werden sollte, ist, in Zeiten des Lockdowns und bei ungewissen Aussichten, schicksalhafte Ironie und Ansporn zugleich.

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