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Hamburger Staatsoper : Dieser „Fidelio“ ist eine Katastrophe

Befreiung ausgeschlossen: Simone Schneider als Leonore, Falk Struckmann als Rocco, Mélissa Petit als Marzelline in der Hamburger Aufführung. Bild: dpa

Singende Männer auf der verzweifelten Suche nach der Takteins: Was hat man sich in Hamburg bei dieser Beethoven-Aufführung eigentlich gedacht?

          Dass es schiefgehen wird mit Ludwig van Beethovens „Fidelio“ – und zwar restlos –, das kann man schon in der Ouvertüre ahnen, wenn auch nicht gleich am Anfang. Da nämlich, im Adagio der Einleitung – gespielt wird die dritte „Leonoren“-Ouvertüre, nicht die eigentliche „Fidelio“-Ouvertüre –, klingt das Philharmonische Staatsorchester noch ganz verheißungsvoll. Der Mischklang von Holz, Hörnern, Trompeten und Streichern auf dem ersten G hat etwas Unheimliches, schwer zu Fassendes. Und die regsame Dynamik der Streicher im allerleisesten Bereich enthält ein Versprechen, dass hier einen Abend lang unter der Leitung des Hamburger Generalmusikdirektors Kent Nagano eine spannungsreiche orchestrale Erzählung entstehen könnte.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Die kleinen Wackler im Unisono, beim drei Takte langen Abgang von einem G zum nächsten, überhört man fast. Aber sie sind ein Alarmsignal. Die Musiker haben untereinander keinen gemeinsamen Puls, und der Dirigent gibt ihnen keinen vor. Die Wackler werden immer verheerender werden an diesem Abend. Kaum ein chorischer Einsatz von Streichern oder Bläsern gelingt synchron. Der Gefangenenchor am Ende des erstes Aktes zeigt singende Männer auf der verzweifelten Suche nach der Takteins; im Finale des zweiten Aktes laufen einzelne Solisten einen halben bis einen ganzen Takt neben Chor und Orchester. Wie kann das geschehen? Ist das derselbe Kent Nagano, der vor gut anderthalb Jahrzehnten beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin solch überragende Aufführungen von Johann Sebastian Bachs Johannespassion oder Robert Schumanns vierter Symphonie dirigiert hat?

          Was er hier in Hamburg bietet, ist eine Vorstellung unterhalb tiefster Professionalitätsstandards. Nicht nur, dass elementare Dinge des Zusammenspiels nicht funktionieren und dass die Intonation der Hörner in der Kerkerszene am Beginn des zweiten Aktes jeden evangelischen Blockflötenkreis glänzend dastehen lässt, nein, auch interpretatorisch ist das ein „Fidelio“ ohne Schwung, ohne Feuer, ohne Ziel, keine Befreiungsoper, sondern ein musikalischer Schildkrötenaufstand im Kinderzimmerterrarium.

          Man kann Pizarro nicht ernst nehmen

          Sängerisch steuert Christopher Ventris als Florestan so vorhersehbar in die Katastrophe, dass er einem leidtun muss. „Zur Freiheit, ins himmlische Reich“ führt ihn sein Tenor nicht mehr. Die Stimme bricht vor dem Ziel weg. Simone Schneider als Leonore macht ihre Sache dagegen gut: Ihr Sopran hat eine warme, volle Tiefengrundierung im Brustregister, die auch den Spitzentönen Kraft schenkt. Der grelle Ausruf „Töt’ erst sein Weib!“, bevor sie dem Gouverneur Don Pizarro die Pistole auf die Brust setzt, um ihren Mann Florestan aus dem Kerker zu retten, hat bei ihr genügend Wucht. Nur müsste er auch an Pizzaro adressiert werden, nicht ans Publikum.

          Pizarro selbst kann man nicht ernst nehmen. Er ist vom Regisseur und Intendanten Georges Delnon als Knallcharge angelegt worden: ein cholerischer Trottel. Werner Van Mechelen singt ihn mit achtbaren Spitzentönen und brüchiger Mittellage. Falk Struckmanns Bass als Rocco ist unerschütterlich, jeder Ton sitzt, aber er lässt im herrlichen Quartett „Mir ist so wunderbar“ der arg zartstimmigen Mélissa Petit als Marzelline und dem tenoral nicht gerade entschieden auftretenden Thomas Ebenstein als Jaquino keine Chance neben ihm.

          Was sich Georges Delnon, seit 2015 Intendant in Hamburg, bei seiner ersten Inszenierung am neuen Haus gedacht hat und ob er sich überhaupt etwas gedacht hat, bleibt nach dem Abend sein Geheimnis. Die Darstellenden scheinen es auch nicht so genau zu wissen. Sie hangeln sich haltlos durchs Stück. Marzelline darf zur Arie ihres verwirrten Herzens mit den Hüften wackeln; der arme Jaquino muss immer mal wieder den notgeilen Möchtegernvergewaltiger geben. Rocco, von Lydia Kirchleitner mit einem scheußlichen, hundedreckfarbenen Westover bekleidet, gibt einen weißweinabhängigen Familienvater und öligen Opportunisten.

          Die Bühne von Kaspar Zwimpfer ist eine Amtsstube, deren Wände mit Blümchendekor der siebziger Jahre tapeziert sind; das Furnierholzmobiliar stammt aus den frühen Sechzigern. In den Wandschränken, zwischen den Akten, hausen die Gefangenen als Karteileichen. Florestan liegt in der Wanne wie der abgestochene Marat und singt im hellsten Neonlicht „Gott, welch Dunkel hier“. Durch die Fenster rauscht der deutsche Wald. Die Videos von fettFilm zeigen einmal ein Rehkitz, wenn die Menschen von Liebe singen, und einmal den bösen Wolf, wenn es in den Kerker geht. Dass Beethoven selig und glücklich war „im Walde“, weil er durch jeden Baum den Allmächtigen zu sich sprechen hörte, wissen wir aus seinem Tagebuch. Aber das wird hier nicht zitiert, sondern Hölderlin, nämlich: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Ach so, ja!

          Das Publikum quittiert diese geistige Wirrnis mit einem Buh-Sturm in Orkanstärke. In Coburg und Chemnitz, in Stralsund und Braunschweig kann man derzeit Musiktheater auf höherem professionellem Niveau erleben als jetzt in Hamburg. Dieser „Fidelio“ ist leider eine Totalblamage.

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