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Oper „Inferno“ in Frankfurt : Klänge sichtbar machen

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Nicht nur Höllenlärm, sondern auch Subtilität: Karolina Makula vor Blech und Pauken des Opernorchesters. Bild: Barbara Aumüller

Dantes „Göttliche Komödie“ als Vorlage für eine Oper zu nehmen, ist ein Anspruch der Maßlosigkeit. Doch Lucia Ronchetti entscheidet sich mit „Inferno“ in Frankfurt für eine kluge Reduktion und stellt die innere Stimme des Dichters in den Mittelpunkt.

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          Welchen Höllenkreis hätte Dante wohl als angemessen für eine Komponistin empfunden, die Teile seines Opus summum als Vorlage für eine Oper verwendet hat? Sicher nicht den Vorraum zur Hölle, der den lauen Seelen vorbehalten bleibt, die sich nicht entscheiden, nicht einmal für das Böse, und so auch nicht der Strafe für würdig erachtet werden. Wohl eher den oberen Höllenkreis für die Sünder aus Maßlosigkeit. Sich mit einem Werk wie der Divina Commedia musikalisch auseinanderzusetzen, das die gesamte vorangegangene Weltgeschichte zum Gegenstand hat, setzt schon entsprechendes Selbstvertrauen voraus.

          Lucia Ronchetti, die sich jetzt mit ihrer neuen Oper „Inferno“ in Frankfurt hören ließ, kann mildernde Umstände beanspruchen: Die Idee zur Oper stammt von Verantwortlichen der Städtischen Bühnen, die allerdings genau wussten, wem sie diesen Auftrag für ein musiktheatralisches Werk dieser Größenordnung anboten. Denn die Komponistin aus Rom scheint mit ihrer Vita wie prädestiniert für die Beschäftigung mit einem allumfassenden Werk zu sein, dessen wesentliches Element zur inneren Einheit sich ebenso aus der Persönlichkeit des italienischen Dichters wie aus seiner Biographie ableitet. Bruno Nardi hat es pointiert formuliert. Das Thema des gigantischen Gedichts sei vom Anfang bis zum Schluss: Ich, Dante Alighieri, der Florentiner... Ich, Dante, Sohn des Alighiero...

          Seit jungen Jahren hat sich Lucia Ronchetti mit Dante beschäftigt, das Inferno wie ein „erotisches Narrativ“, das gesamte Werk als „Alphabet und Enzyklopädie“ für sich selbst begriffen. Dazu kommt eine geradezu rastlose musikalische Wissenslust: Komposition, Computermusik und Philosophie hat sie in Rom studiert, Ästhetik und Musikwissenschaft in Paris mit einer Dissertation über den Einfluss Wagners auf die spätromantische Musik in Frankreich abgeschlossen. Sie war am Experimentalstudio des IRCAM tätig, nahm lehrend an den Darmstädter Ferienkursen teil, war Fulbright-Stipendiatin in New York und ist kompositorisch von Gérard Grisey, Sylvano Bussotti und Salvatore Sciarrino geprägt worden.

          Ideale Voraussetzungen, so scheint es, sich komplexen Stoffen zu widmen, allerdings auch problematisch, wenn dem epischen Koloss mit hypertrophen musikalischen Mitteln begegnet wird. Das aber hat die kluge Komponistin auf beeindruckende Weise vermieden, indem sie den Plot auf neun pausenlos ineinander übergehende Szenen aus Dantes „Inferno“ reduzierte, das Orchester auf drei Klangquellen – zwölf Pauken für vier Perkussionisten, vierzehn Blechbläser und ein Streichquartett – konzentrierte und die Handlung auf einen erzählenden Dante, ein Vokalquartett für Dantes innere Stimme, einen kleinen gemischten Chor für die verlorenen Seelen und acht Schauspieler und Sänger als jene Figuren beschränkte, denen Dante bei seinem Gang durch die Hölle begegnete. Auf den Begleiter Vergil wurde in diesem von der Komponistin selbst verfassten Libretto verzichtet. Einen Epilog hat der Schriftsteller Tiziano Scarpa noch angefügt.

          Freilich hat ein durch die Pandemie bedingter Umstand sich glücklicherweise nicht als gravierendes Handicap für die Uraufführung des Werkes erwiesen, die jetzt im Bockenheimer Depot stattfand. Sie sollte ursprünglich im April vorigen Jahres szenisch stattfinden, fiel dem Lockdown zum Opfer und wurde nunmehr konzertant nachgeholt, wobei nicht nur das Bühnengeschehen, sondern auch ein bereits abgedrehter Opernfilm von Kay Voges und Marcus Lobbes zur Begleitung wegfiel. Er wird nun separat am 11. Juli ebenfalls im Bockenheimer Depot zu sehen sein.

          Ohne den Film zu kennen und seine Qualitäten beurteilen zu können, lässt sich allerdings feststellen, dass die quasi oratorische Darstellung in Verbindung mit dem Klang schon aus sich heraus eine ungeheure Sogkraft entwickelt und die Aufmerksamkeit ganz auf die Faktur des Werkes fokussiert. Denn die Besonderheit von Lucia Ronchettis Partitur besteht in der virtuosen Verschachtelung von musikalischer und sprachlich-schauspielerischer Aktion. Es muss eine große Herausforderung für den umsichtig leitenden Tito Ceccherini gewesen sein, Schauspieler zu dirigieren, wie es andererseits deren Aufmerksamkeit erforderte, sich den zeitlich exakt fixierten Einsätzen und den variablen Klangfarben der Instrumente anzupassen. Höchste Anerkennung muss man hier den Darstellern, vorwiegend vom Schauspiel Frankfurt, zollen: Frank Albrecht, Ralf Drexler, Florian Mania, Andreas Gießer, Anna Kubin. Sie verleihen nicht nur gestisch den Sündern aus Dantes Inferno Kontur, sondern agieren auch musikalisch höchst kompetent. Ihnen und Sebastian Kuschmann als erzählendem Dante gelingt eine Dramatisierung des Plots in deutscher Sprache, die nahezu die Klänge sichtbar werden ließ.

          Lucia Ronchetti hat in einem Gespräch erwähnt, ihr habe zunächst für die vokale (auf Italienisch) und instrumentale Ausarbeitung der Partitur eine Art mittelalterlicher Orff-Klang vorgeschwebt, kompakt, quasiprimitiv archaisch, der sich auch aus der Reduktion auf Blechbläser und Pauken des Frankfurter Opernhaus- und Museumsorchesters hätte ergeben können. Davon hat sie glücklicherweise Abstand genommen. Bruitistischste Klangballungen haben naturgemäß ihren Platz in diesem Höllenspektakel. Aber es herrschen eher lauernde, intensiv klagende, bisweilen in ihrer denaturierten Geräuschhaftigkeit unbestimmt drohende Klangkonturen vor, in die sich das Vokalquartett (der faszinierend intonierende Countertenor Jan Jakub Monowid sowie Matthew Swensen, Sebastian Geyer und Eric Ander), der sich durch den Plot mäandernde Chor, das solistisch sich aufspaltende Schumann Quartett und die drei ebenso schauspielerisch wie musikalisch höchst eindrucksvollen Gesangssolisten, die bisweilen madrigalesk klangschön singende Mezzosopranistin Karolina Makuła (Francesca), der schlaue Tenor Alexander Kravets (Ulisse) und Alfred Reiter mit angemessen kraftvollem Bass (Lucifero) bruchlos einfügen.

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