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Donizetti in Zürich : Die irre Wiederkehr des Immergleichen

  • -Aktualisiert am

Irina Lunga als Lucia und Piotr Beczała als Edgardo Bild: Herwig Prammer

Tatjana Gürbaca gelingt in Zürich eine zwingende Deutung von Gaetano Donizettis Oper „Lucia di Lammermoor“, mit der zugleich Piotr Beczała souverän seinen Abschied vom Belcanto nimmt.

          3 Min.

          Es wird wieder gespielt. Doch der Orchestergraben ist leer. Anstelle der Musiker finden sich dort acht Lautsprecher. Wie aus einer Zwischenwelt dröhnt die Musik empor. Denn Orchester und der Chor – allen Misslichkeiten zum Trotz sehr packend den Gemütslagen der Figuren entsprechend von Speranza Scapucci geleitet – sind pandemiebedingt im Probensaal einen knappen Kilometer vom Opernhaus entfernt untergebracht. Von dort werden sie übertragen, während die Sänger vor Publikum über die Bühne wandern. Schon bei den Zürcher Produktionen von „Boris Godunow“ und „Simon Boccanegra“ hatte man es ähnlich gehalten.

          Auf der Bühne beginnt alles mit einem Stier. Genauer: einer Spukgestalt aus Stierschädel und Menschenkörper. Im Mondlicht taumelt dieser Minotaurus-Zombie grausam und entwirklicht der jungen Lucia entgegen. In letzter Sekunde wird er niedergestreckt, aber er kehrt zurück – immer wieder. Die dunklen, tristen Akkorde aus den Windungen der Hörner untermalen die unheimliche Atmosphäre der Eröffnungsszene. Im Schädel wie in der Musik wird die finale Tragik vorweggenommen. Alle Melodien und Koloraturen des Abends werden so von Anfang an zu Trugbildern des Glanzes – durch ein Framing des Grauens.

          Gaetano Donizettis „Lucia di Lammermoor“ setzt kurz vor dem Kollaps ein. Enrico will seiner Familie Ashton wieder zu altem Glanz verhelfen, indem er seine Schwester Lucia dem einflussreichen Arturo Bucklaw verspricht. Doch die hat sich Enricos Erzfeind Edgardo Ravenswood versprochen, und der ist bereit, den erbitterten Konflikt mit den Ashtons beizulegen, symbolträchtig vereint in der erhofften Vermählung mit der titelgebenden Lucia. Im Nebel des schottischen Hochlands verfällt Lucia erst Edgardo, dann dem Wahnsinn.

          Die Regisseurin Tatjana Gürbaca inszeniert eine Welt, die buchstäblich um sich selbst kreist. Eine Welt, die sich aus dem speist, was sie hervorgebracht hat. Außer Lucia sind alle Figuren besessen von Tradition und Familienehre. Edgardo ist getrieben vom ungerächten Geist seines Vaters, Enrico will die Familie zu alter Größe zurückführen. Genugtuung und Wiederherstellung. Make Ashton great again.

          In Herkunft gefangen

          Auf der Drehbühne, immer wieder, kehren dieselben Schauplätze zurück. Die verschiedenen Bühnenbilder von Klaus Grünberg und Anne Kuhn sind Variationen ihrer selbst, mal von Pflanzen bewachsen, mal zerstört, immer mit demselben Mobiliar: Bett, Stuhl, Uhr. Motive, die man schon oft, vielleicht zu oft gesehen hat. Doch gerade darin liegt die Pointe der Inszenierung. Die immer gleiche Dekoration verweist auf die Vergangenheitstreue der Figuren: Sie sind ihrer Herkunft auf gleiche Weise unterlegen wie Lucia ihrem Wahn. Indem Gürbaca die Rettung Lucias vor dem Stier durch Edgardo als Kind, eigentlich eine Randnotiz, prominent an den Anfang stellt, überantwortet sie sogar die Liebe der beiden dem Fatalismus der Figuren. Denn deren Zuneigung basiert irgendwo auf Loyalität. Alles sagt: „Das war schon immer so.“ Die Figuren versinken in einem konservativen Sumpf, der Gründe wie Familienehre und Tradition vor Selbstverwirklichung schiebt. In diesem Perpetuum mobile macht Gürbaca Lucias Wahnsinn zum Motiv der Klarsicht und Selbstbefreiung. Sie erhebt ihn zum Befreiungsakt eines Individuums. Wie ein Kartenhaus brechen die Vorstellungen der Männer zusammen, weil Lucia ein Eigenleben entwickelt. Ein Eigenleben, in dem so viele ihre Krankheit sehen.

          „Der Wahnsinn ist nur eine schmale Brücke/Die Ufer sind Vernunft und Trieb“, flüstern Rammstein auf ihrem Album „Herzeleid“. Nicht nur treibt Herzschmerz sämtliche Figuren um, die Zweiteilung „Vernunft und Trieb“ spiegelt auch die Handlung. Erst werden Pläne geschmiedet und Versprechen gegeben. Dem Scheitern dieser Pläne und Versprechen ausgeliefert, folgt der Trieb. Auf aktiv folgt passiv. Vernunft und Trieb, die großen Kategorien der Aufklärung und der Psychoanalyse. Wahnsinn trennt von sozialer Norm. Wer wahnsinnig ist, treibt allein wie Holz auf dem Meer. So ist auch Lucia allein: als Frau (außer ihrer Zofe Alisa wird ihr keine weitere weibliche Figur an die Seite gestellt) und als Liebende, denn Edgardo ist in Frankreich, und gefälschte Briefe lassen Lucia im Glauben zurück, er hätte dort eine andere, weshalb sie doch in die Hochzeit mit Arturo einwilligt. Diese Einsamkeit macht Lucia fragil. Und so ist es ausgerechnet der Klang von Glas, der diese Zerbrechlichkeit einfängt.

          Die Stimme erhebt sich über die Tragik

          Die berühmte Wahnsinnsarie wird in Zürich mit Glasharmonika aufgeführt, wie Donizetti es für die Uraufführung in Neapel vorgesehen hatte. In den schimmernden Klängen gleitet Lucia in den Wahn. Im blutgetränkten Hochzeitsdress lässt Irina Lungu ihren Sopran flimmern, als wäre sie über die Tragik ihrer Figur erhaben. Ihr souveräner Gesang steht für die neu gewonnene Selbstbestimmung der Figur. Piotr Beczała als Lucias Verlobter Edgardo überspringt mit Leichtigkeit die fordernden Hürden seiner Tenor-Partie. Die Vertrautheit mit der Rolle hört man ihm zu jeder Zeit an. Doch weil er sich zukünftig zunehmend dem Verismo zuwendet, bedeutet diese Produktion für Beczała auch den Abschied vom Belcanto in einer seiner Paraderollen. Neben ihm setzt auch Massimo Cavalletti als Lucias Bruder Enrico seinen Bariton ausgezeichnet in Szene, auch wenn er weniger präsent wirkt als sein Widersacher. In einem überzeugenden Gesangsensemble sticht in den Nebenrollen insbesondere Oleg Tsibulko als Raimondo mit seiner einladenden Bassstimme hervor.

          Am Ende trübt die Technik den Gesamteindruck. In Zürich klingen neben den Sängern nur Membranen. Das führt nicht nur hin und wieder zu Balanceproblemen zwischen Instrumentalisten und Sängern, zeitweise entsteht gar der Eindruck von Playback. Aber irgendwie passt es in die Zwischenwelt des Wahnsinns: Denn was hier irritiert, ist das Orchester von einem entrückten Ort.

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