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Festival in Luzern : Sehr schön – aber das ist alles?

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Kommen sich mit jedem Jahr etwas näher: Riccardo Chailly und das Festival Orchester Bild: Peter Fischli / LUCERNE FESTIVAL

Mit strenger Hand führt Riccardo Chailly das Festivalorchester zu herzloser Perfektion. Doch beim Lucerne Festival lebt die Kunst nur noch im Labor der Neuen Musik

          „Luzern glänzt“, so steht es auf den Müllbehältern, die in der Stadt am Vierwaldstättersee aufgestellt sind. Und es stimmt auch: Kein welkes Blättchen ist zu sehen in den Blumenkästen entlang der Kapellbrücke, das Flaschengrün des Sees leuchtet so perfekt und durchsichtig, dass man am Grund die dicken Barsche herumgleiten sieht, und am Hauptbahnhof, wo sich auch das Konzert- und Kulturzentrum (KKL) befindet, sorgt die Polizei dafür, dass das schöne Bild auch von lebenden Menschen nicht gestört wird.

          Wie man sich darüber freuen kann, darüber gibt derweil ein Kommentar in der „Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag“ Auskunft, in deren jüngster Ausgabe der starke Franken als „Burggraben“ der Schweiz gepriesen wird: „Ein Kaffee für 5 Franken muss für einen kostenbewussten Deutschen die Wirkung eines Schlages in die Magengrube haben“, frohlockt der Schreiber, und dass für einen „Mittelklasse-Polen“ ein „längerer Schweizbesuch unerschwinglich sei“. Da fühlt man sich doch willkommen.

          Beim Lucerne Festival glänzt dieses Jahr in jedem Fall das Lucerne Festival Orchestra. Zum ersten Mal vielleicht, seit es vor drei Jahren von Riccardo Chailly übernommen wurde. Ensemble und Dirigent haben sich hörbar angenähert: Nicht mehr zurückschauen zur Ära mit Claudio Abbado, der das Festivalorchester 2003 ins Leben gerufen hatte, sondern einen neuen Stil wagen, so scheint die Devise nun zu lauten.

          Programm ausbaufähig

          Das drückt sich in einer neue Strenge aus, in orchestraler Disziplin und Kontrolle. Im vergangenen Jahr hatte man noch den Eindruck, dass manches aus dem Ruder laufe, dass das Gefühl von Freiheit, das die Musiker unter Abbado kultiviert hatten, sich schlecht vertrage mit dem kraftvolleren, zupackenderen Stil des neuen Dirigenten. Das klangliche Ergebnis war laut und grob.

          In diesem Jahr ist das anders: nicht nur beim zweiten Programm, das Chailly einstudierte mit Werken von Maurice Ravel, sondern auch – und besonders auffallend – beim dritten Programm mit der siebten Symphonie von Anton Bruckner. Passgenau fügen sich die Instrumentengruppen des Orchesters aneinander, Chailly sorgt für Geschlossenheit und bleibt stets Herr von Balance und Tempo. Wie er im langsamen Satz die Spannung hält, ohne sich zu einer Beschleunigung oder vorzeitigen Zunahme der Lautstärke hinreißen zu lassen – das machen ihm nicht viele Bruckner-Dirigenten nach.

          Wie er im gleichen Satz klangliche Wucht vermeidet und immer auf Transparenz achtet (selbst der Nachsatz des ersten Themas, das „Te deum“-Zitat in den ersten Geigen, auf der tiefen G-Saite, bleibt fern allen zigeunergeigenhaften Auftrumpfens wie es sonst oft zu hören ist): All das macht froh. Zugleich erstaunt, dass aus der orchestralen Sorgfalt heraus kaum ein Mehrwert erwächst über die blanke Schönheit hinaus. Die Aura dieser Aufführung – bei Bruckner nicht ganz unwichtig – ist nur schwach ausgeprägt, wirklich zu Herzen geht hier kaum etwas.

          Vielleicht kommt das ja im nächsten Jahr. Vielleicht gibt es beim Festivalorchester dann auch Programme, die mehr Spannung in sich tragen – oder überhaupt eine Spannung. Ein ganzer Abend Ravel wurde im zweiten Programm wegmusiziert (im vergangenen Jahr galt es, nicht weniger eintönig, einen ganzen Abend mit Musik von Richard Strauss durchzuhalten).

          Wagner? Lass stecken!

          Die Erkenntnisse bleiben überschaubar, wenn die „Valses nobles et sentimentales“ und „La Valse“ direkt hintereinander, ohne Unterbrechung gespielt werden: dass Ravel in den „sentimentalen“ Walzern eine Gestik und Motivik erprobte, die zum Teil wörtlich wieder auftaucht im acht Jahre später entstandenen „Poème chorégraphique“; dass der Ton in „La Valse“ tatsächlich sehr düster ist und unheilvoll, wie der Vergleich mit der früheren Walzerfolge unterstreicht.

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