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Lucerne Festival : Wir sind einfach hin und weg!

Herbert Blomstedt dirigiert das Lucerne Festival Orchestra. Solistin ist Martha Argerich. Bild: Peter Fischli / LUCERNE FESTIVAL

Summende Glocken, eine ungeduldige Martha Argerich und ein hellwacher Herbert Blomstedt machen das Lucerne Festival 2020 unvergesslich.

          4 Min.

          Die Luft zittert. Ein Summen wölbt sich von den Türmen der Jesuitenkirche über die Reuss bis zur Luzerner Altstadt am anderen Ufer. Wir sind sinnend versunken in diesem sanften Singsang bebender Bronze. Glocken sind es, die da summen, jahrhundertealte Kirchenglocken. Und ihr Summen wird uns begleiten durch einen abendlichen Gruppenspaziergang im falben Leuchten der Giebel vor gewitterschwarzen Wolken.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Der Schlagzeuger Peter Conradin Zumthor hat die Glocken der Jesuitenkirche, der Peterskapelle, der Matthäuskirche und der Hofkirche präpariert: Ihre Klöppel sind ummantelt worden mit Motorradreifen und Fahrradschläuchen. Die Schafsfelle hatten sich als untauglich erwiesen. Nun klingen sie so leise wie nie. Die Sanftheit ist es, die verstört und aufhorchen lässt. Der Klang ist völlig fremd. Die charakteristische Zweiheit aus Schlagton und Summtönen bei Glocken fehlt. Durch die erhebliche Dämpfung des Aufschlags bleiben nur die Summtöne übrig; sie klingen, besonders vor der Matthäuskirche, wie eine Orgel oder ein wortlos singender Chor, wenn auch mit eiernder Tonhöhe. Vor der gotischen Hofkirche mit ihren besonders tiefen Glocken entsteht der Eindruck, das Geläut unter Wasser zu hören: eine Umkehrung von Claude Debussys Prélude „Die versunkene Kathedrale“ – jetzt sind wir es, die versunken sind, noch tiefer als am Anfang.

          Den Zauber dieser reichlichen Stunde, das unwirkliche Licht, den weichen Regen und dazu diesen Klang wie aus Traumsequenzen in Filmen von Luis Buñuel oder Ingmar Bergman, kann man nicht so leicht vergessen. Mitten im Verkehr der Stadt, durch deren Straßen die Busse schnaufen und in deren Restaurants die Touristen lärmend zu Abend essen, gelingt Zumthor durch Zurücknahme eine Entrückung: Wir sind einfach hin und weg, vom Summen aus der Welt gerissen. Für Michael Haefliger, den Intendanten des Lucerne Festivals, lag in dieser Idee der Glocken „con sordino“ der Kern für ein Alternativprogramm, nachdem im April die ursprünglichen Pläne mit den vielen Gastorchestern aus ganz Europa wegen der Pandemie hatten abgesagt werden müssen. Und schon hier lässt sich dankbar feststellen, dass die Zurücknahme – wie im Klang selbst – einen Gewinn bewirkt: Es entsteht Erinnerbarkeit, die kostbarer ist als Glanz, Fülle und Überfluss.

          Auf wenige Konzerte mit dem Lucerne Festival Orchestra und dessen Solisten, auf den Glockenspaziergang und auf die Arbeit der Lucerne Festival Academy, bei der Wolfgang Rihm wieder dabei ist, beschränkt sich das von vier Wochen auf zehn Tage verkürzte Festival. Die Pandemie hat das Reisen der meisten Orchester unmöglich gemacht. Im Publikum fehlen die Gäste aus Amerika und Japan, aber sie würden ohnehin nur etwa fünf Prozent der üblichen Besucher ausmachen, erzählt Haefliger im Gespräch mit dieser Zeitung. Das Gros der Gäste komme aus der Schweiz selbst, aus Norditalien, Österreich und Deutschland. Der Besuch in diesem Jahr sieht gut aus, auch wenn nur neunhundert der tausendachthundert Plätze im Konzert- und Kongresszentrum Luzern (KKL) verkauft werden dürfen. Zudem herrscht Maskenpflicht für alle Hörer auch während des Konzerts.

          Debüt mit 93 Jahren

          Ein Dauerzustand darf eine hälftige Auslastung natürlich nicht werden bei einem Festival, das 95 Prozent seines Etats selbst erwirtschaften muss und nur fünf Prozent öffentliche Zuschüsse erhält. In diesem Jahr, in dem für das Team auch Kurzarbeit angemeldet werden musste, erfuhr Haefliger großzügige Unterstützung durch den Kanton. Aber ein zweites Mal wird man sich – auch den Künstlern gegenüber – nicht auf „höhere Gewalt“ berufen können. Wie wird die Zukunft eines so großen Orchesterfestivals – neben dem Musikfest Berlin das größte – aussehen? Haefliger deutet an, er wolle sich noch stärker auf die europäischen Partner in Berlin, Wien, Amsterdam, Rom, Mailand und London konzentrieren.

          Das Lucerne Festival Orchestra, von Claudio Abbado gegründet, wurde in diesem Jahr anstelle des nominellen Chefs Riccardo Chailly von Herbert Blomstedt dirigiert, der ganz in der Nähe wohnt. Er ist dem Festival zwar schon seit 1979 verbunden, beim Orchester aber gab er nun – mit 93 Jahren – sein Debüt. Und was für eines! Warm, zaghaft und zärtlich begann das Orchester das erste Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven. Ein Festtagsglanz breitete sich aus, der die innere Beweglichkeit der Konversation aber nicht bremste. Nur der Solistin Martha Argerich war das Tempo zu langsam; sie beschleunigte sofort und fiel dem Orchester allgemein recht nervös, durchaus unangenehm wie ein Drängler auf der Autobahn, in die Ausatemphasen der Phrasenenden. Blomstedt, den reaktionsschnellen Begleiter, brachte das aber überhaupt nicht aus dem Konzept. Argerich, die Ungeduldige, durfte sich geborgen fühlen, wenn sie das ganze Konzert in einer fragilen Balance aus Empfindsamkeit und Gereiztheit absolvierte, den Themenkopf im ersten Satz in der linken Hand oft unwirsch hervorknurrte, dann aber in der Durchführung das Pedal zauberhaft vibrieren und den klassischen Periodenbau mit gezieltem Rubato pulsieren ließ.

          Für Beethovens dritte Symphonie, die „Eroica“, waren nur 35 Musiker auf der Bühne. Vermutlich ist auch Blomstedt, der Beethovens Symphonien mit der Staatskapelle Dresden und dem Gewandhausorchester Leipzig viele Male aufgeführt hat, noch nie mit einer solchen Besetzung – sechs erste, sechs zweite Violinen, vier Bratschen, drei Celli, zwei Kontrabässe, dazu obligat je doppeltes Holz, drei Hörner, zwei Trompeten, Pauken – konfrontiert gewesen. Sie entspricht aber den Gepflogenheiten zu Beethovens Zeit.

          Blomstedt, wach, agil, den Musikern immer eine bis anderthalb Sekunden voraus, hat die Musik aus der Monumentalität zurück in die Welt des gleichberechtigten Argumentierens geholt. Diese „Eroica“ überwältigte nicht, sie überzeugte. Die Steigerung in der Coda des ersten Satzes war zu hören als Prozess von Verheißung und Erfüllung, in dem die Klangfarbe den harmonischen Prozess beglaubigte, also das Charisma dem Text folgte, nicht umgekehrt. Und den Trauermarsch hat man selten so bewundern können als Meisterwerk der Abfolge unterschiedlicher Höhepunkte in der Lautstärke, der satztechnischen Dichte, der emotionalen Erschütterung, die alle bei Beethoven eben nicht gleichzeitig stattfinden.

          Das Konzert der Orchestersolisten mit Wolfgang Amadé Mozarts „Nannerl-Septett“ KV 251 und Beethovens Septett op. 20 war ein Vergnügen – diletto –, das bei den Spielern mehr als Dilettanten brauchte. Was für ein sensibel bebendes Bogenvibrato bei den Triolen in Beethovens Adagio cantabile! Da haben die Streicher gezeigt, wie wesentlich eine achtsame Begleitung sein kann. Und dann die lässigen Dreiklangskaskaden von Stefan Dohr am Horn im Trio von Beethovens Menuett: gut gelaunt, sicher und – leise! Und ist nicht auch das ein Gewinn, dass in der Zurücknahme der großen Orchester das ganze Repertoire großer Streicher-Bläser-Kammermusik wieder eine Chance bekommt?

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