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Lucerne Festival : Wir sind einfach hin und weg!

Debüt mit 93 Jahren

Ein Dauerzustand darf eine hälftige Auslastung natürlich nicht werden bei einem Festival, das 95 Prozent seines Etats selbst erwirtschaften muss und nur fünf Prozent öffentliche Zuschüsse erhält. In diesem Jahr, in dem für das Team auch Kurzarbeit angemeldet werden musste, erfuhr Haefliger großzügige Unterstützung durch den Kanton. Aber ein zweites Mal wird man sich – auch den Künstlern gegenüber – nicht auf „höhere Gewalt“ berufen können. Wie wird die Zukunft eines so großen Orchesterfestivals – neben dem Musikfest Berlin das größte – aussehen? Haefliger deutet an, er wolle sich noch stärker auf die europäischen Partner in Berlin, Wien, Amsterdam, Rom, Mailand und London konzentrieren.

Das Lucerne Festival Orchestra, von Claudio Abbado gegründet, wurde in diesem Jahr anstelle des nominellen Chefs Riccardo Chailly von Herbert Blomstedt dirigiert, der ganz in der Nähe wohnt. Er ist dem Festival zwar schon seit 1979 verbunden, beim Orchester aber gab er nun – mit 93 Jahren – sein Debüt. Und was für eines! Warm, zaghaft und zärtlich begann das Orchester das erste Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven. Ein Festtagsglanz breitete sich aus, der die innere Beweglichkeit der Konversation aber nicht bremste. Nur der Solistin Martha Argerich war das Tempo zu langsam; sie beschleunigte sofort und fiel dem Orchester allgemein recht nervös, durchaus unangenehm wie ein Drängler auf der Autobahn, in die Ausatemphasen der Phrasenenden. Blomstedt, den reaktionsschnellen Begleiter, brachte das aber überhaupt nicht aus dem Konzept. Argerich, die Ungeduldige, durfte sich geborgen fühlen, wenn sie das ganze Konzert in einer fragilen Balance aus Empfindsamkeit und Gereiztheit absolvierte, den Themenkopf im ersten Satz in der linken Hand oft unwirsch hervorknurrte, dann aber in der Durchführung das Pedal zauberhaft vibrieren und den klassischen Periodenbau mit gezieltem Rubato pulsieren ließ.

Für Beethovens dritte Symphonie, die „Eroica“, waren nur 35 Musiker auf der Bühne. Vermutlich ist auch Blomstedt, der Beethovens Symphonien mit der Staatskapelle Dresden und dem Gewandhausorchester Leipzig viele Male aufgeführt hat, noch nie mit einer solchen Besetzung – sechs erste, sechs zweite Violinen, vier Bratschen, drei Celli, zwei Kontrabässe, dazu obligat je doppeltes Holz, drei Hörner, zwei Trompeten, Pauken – konfrontiert gewesen. Sie entspricht aber den Gepflogenheiten zu Beethovens Zeit.

Blomstedt, wach, agil, den Musikern immer eine bis anderthalb Sekunden voraus, hat die Musik aus der Monumentalität zurück in die Welt des gleichberechtigten Argumentierens geholt. Diese „Eroica“ überwältigte nicht, sie überzeugte. Die Steigerung in der Coda des ersten Satzes war zu hören als Prozess von Verheißung und Erfüllung, in dem die Klangfarbe den harmonischen Prozess beglaubigte, also das Charisma dem Text folgte, nicht umgekehrt. Und den Trauermarsch hat man selten so bewundern können als Meisterwerk der Abfolge unterschiedlicher Höhepunkte in der Lautstärke, der satztechnischen Dichte, der emotionalen Erschütterung, die alle bei Beethoven eben nicht gleichzeitig stattfinden.

Das Konzert der Orchestersolisten mit Wolfgang Amadé Mozarts „Nannerl-Septett“ KV 251 und Beethovens Septett op. 20 war ein Vergnügen – diletto –, das bei den Spielern mehr als Dilettanten brauchte. Was für ein sensibel bebendes Bogenvibrato bei den Triolen in Beethovens Adagio cantabile! Da haben die Streicher gezeigt, wie wesentlich eine achtsame Begleitung sein kann. Und dann die lässigen Dreiklangskaskaden von Stefan Dohr am Horn im Trio von Beethovens Menuett: gut gelaunt, sicher und – leise! Und ist nicht auch das ein Gewinn, dass in der Zurücknahme der großen Orchester das ganze Repertoire großer Streicher-Bläser-Kammermusik wieder eine Chance bekommt?

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