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Der Pianist Lucas Debargue : Als guter Russe spuckt man nicht auf Frankreich

Außer sich: Lucas Debargue und die Russische Nationalphilharmonie unter der Leitung von Wladimir Spiwakow im Großen Saal der Alten Oper Frankfurt. Bild: Pro Arte Frankfurt / Paul Sklorz

Der französische Pianist Lucas Debargue liebt Russland und ist sehr kritisch gegen Frankreich. Jetzt spielt er Musik von Peter Tschaikowsky, einem Russen, der Frankreich liebte.

          Das elsässische Kindermädchen Fanny Dürbach ertappte ihren Schützling Peter Tschaikowsky eines Tages, wie er vor einem Atlas kniete und die Länder Europas als die Feinde Russlands bespuckte. Von der Französin zurechtgewiesen, dass man so etwas nicht tue, antwortete der schuldbewusste Junge, er habe beim Spucken Frankreich mit seinen Händen verdeckt, um es zu schützen.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Der französische Pianist Lucas Debargue, gerade achtundzwanzig Jahre alt geworden, bringt in dieses russisch-französische Verhältnis seit 2015 eine neue, an Bizarrerien reiche Dynamik. Damals belegte er beim Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau nur den vierten Platz. Die russischen Juroren Boris Beresowski, Denis Mazujew und Dmitri Baschkirow protestierten gegen das Gesamtvotum, weil sie in Debargue eine ungewöhnlich große Begabung sahen. Die Mehrheit der Jury aber, darunter der Franzose Michel Béroff, hielt zu einem russischen Wettbewerbsteilnehmer: Dmitri Maslejew. Seitdem hat Debargue, dem eine liebevoll mahnende Fanny Dürbach ganz gut getan hätte, einige unberatene Interviews gegeben, Russland als Land der „Seele“ und der „Tiefe“ gerühmt, Frankreich aber als Hort der Geldgier und der Oberflächlichkeit bespuckt. Dass er sich von „den vielen kleinen Affen“, die seit ihrer Kindheit gedankenlos Klavier spielen, abheben wolle, soll er gesagt haben. Hätte er geschwiegen, wäre er Philosoph geblieben.

          Nun waren aber in Moskau durchaus professionelle Mängel in seinem Spiel zu bemerken. Debargue, der als Interpret einiger Solowerke von Maurice Ravel und Nikolaj Medtner ungewöhnliche Kühnheit, Ausdrucksstärke, ein intelligentes und dramatisches Gespür für Polyphonie an den Tag legte, versagte beim Spiel mit Orchester. In Tschaikowskys erstem Klavierkonzert fehlte es ihm an Kraft, an Durchsetzungsvermögen, an gestalterischer Disposition. Jetzt, in Frankfurts Alter Oper, mit der Russischen Nationalphilharmonie unter der Leitung von Wladimir Spiwakow, beweist er enorme technische Fortschritte. Debargue hat an sich gearbeitet und gute Ratgeber gehabt.

          Er stellt die Handgelenke nicht mehr hoch, was früher zwar die Griffgenauigkeit absicherte, aber den Klang auch splittrig hart machte und keineswegs der Selbstbehauptung gegen das Orchester diente. Sein Klavierklang hat jetzt sehr an Fülle und Wärme gewonnen. In die Stahlgewitter der berüchtigten Doppeloktaven bei schnellstem Tempo zieht er mit souveräner Kaltblütigkeit, aber ohne abstoßende Brutalität. Und, ja, er verschmäht im Mittelsatz tatsächlich nicht den flockig-lebhaften Konversationston, wenn er mit Lust an der Leichtlebigkeit das Orchester beim französischen Chanson „Il faut s’amuser, danser et rire“ begleitet. Debargue, der versierter Jazzmusiker ist, kann offenbar inzwischen Tschaikowsky, dieser großen Seele, nicht verdenken, dass er „sich amüsieren, tanzen und lachen“ wollte und darin eine Form von „Tiefe“ fand.

          Dass an diesem Abend, wie in aller Welt, jeglicher Forschungsarbeit zum Trotz, das erste Klavierkonzert von Tschaikowsky erneut in der korrumpierten Version einer Bearbeitung von Alexander Siloti aus dem Jahr 1888 erklingt, mit beschleunigten Tempoanweisungen und einer Kürzung von siebzehn Takten im Finale, ist bedauerlich. Dabei hat der Pianist Andrej Hoteev schon 1998 die Ergebnisse seiner philologischen Untersuchungen zur Originalfassung des Konzerts publik gemacht; dabei ist vor zwei Jahren eine kritische Ausgabe der zweiten Redaktion dieses Werks erschienen, die vom Pianisten Kirill Gerstein und dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin bereits auf CD aufgenommen wurde, wenn auch mit der nicht ganz korrekten Bezeichnung „Originalversion“. Debargue mit seinem Interesse an Seele und Tiefe müsste es eigentlich interessieren, die Originalversion einzustudieren, die langsamer, stärker symphonisch gearbeitet, weniger auf zirzensische Brillanz aus ist. Über die nötige Nachdenklichkeit, über die manuelle Gesanglichkeit für ein lyrisches Verweilen verfügt er ja bereits aufs schönste. In der Zugabe, der Miniatur „Nostalgie du Pays“ von Miłosz Magin, hat Debargue diese guten Gaben noch einmal kondensiert.

          Spiwakow und die Russische Nationalphilharmonie lieben den monumentalen Tschaikowsky. Man hört, in den Suiten aus den Balletten „Dornröschen“ und „Nussknacker“, eine Balance aus Begehren und Geometrie, eine vitale Freude an imperialem Glanz, besonders im homogen vibrierenden Streicherklang. Die Tempi sind straff, die Artikulation ist penibel genau, aber der Klang strahlt in aller Strenge doch wohnliche Wärme aus. Klassizismus ist hier nicht Unterdrückung, sondern gesellschaftsfähige Kanalisierung von Leidenschaft. Ja, er gibt dieser Leidenschaft ein Haus. Hört man Spiwakow und der Russischen Nationalphilharmonie zu, erscheint Tschaikowsky wie sein Landsmann, der Frankreich-Freund Iwan Turgenjew, bei allem Wissen um die Grenzen der Rationalität, doch als Zivilisationsoptimist.

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