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Luc Bondys „Helena“ : Die Phantome der Kriegmacher

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Heimkehr aus dem Trojanischen Krieg: Menelaos (Ernst Stoetzner) und die verhasste ehebrecherische Phantom-Helena (Birgit Minichmayr) Bild: REUTERS

Die Frau, derentwegen das große trojanische Gemetzel in Gang kam, war nur ein Luftbild: Luc Bondy inszeniert in Wien die „Helena“ von Euripides und Handke als Frau zwischen Zank-Göttern und Männern. Schauspielerin Birgit Minichmayr schnaubt diese Zumutungen einfach weg.

          Was ist schon ein Name? Schall. Rauch. Solange aber der Name zu einer Person gehört, mit ihr lebt, leidet, blutet, liebt und lacht, sind Verwehbarkeit und Sterblichkeit (bitte, in Ausnahmefällen auch Unsterblichkeit) zu ertragen. Die junge Frau aber, die im Wiener Burgtheater in einer Art lang und weich fließender antiker Designer-Toga mit hochgestecktem Haar und makellosem Make-up neben einem Erdhaufen vor einer Bodenluke sitzt, in die Treppenstufen wie zu einer Gruft hinunterführen, kündet vom ganz und gar Unerträglichen. Sie sitzt hier auf der ägyptischen Insel Pharos, vor siebzehn Jahren von einem Gott hierher entführt, während ihr Name, Helena, in Form eines Phantoms, eines Luftbildes, eines Eidolóns, vom Prinzen Paris nach Troja entführt wurde. Darauf brachen Helenas Mann Menelaos, dessen Bruder Agamemnon und die anderen griechischen Heerführer (Odysseus, Achill et al.) den großen vaterländischen Trojanischen Krieg vom Zaun, mit Tausenden von Toten, Frauen und Kindern darunter, Dahingemetzelten, wahnsinnig Gewordenen, Zerschundenen. Wegen nichts und wieder nichts. Um ein Wortluftgebild, das Paris in sein Bett holte. Und gar nicht merkte, dass er etwas Unwirkliches umarmte, wenn er dem Menelaos von fern her Hörner aufsetzte.

          Arrangiert hatte die Trennung von Frau und Phantom die Göttin Hera, die der Aphrodite den Triumph nicht gönnte, beim himmlischen Schönheitswettbewerb unter den Göttinnentopmodels von Paris einst den Siegesapfel überreicht bekommen zu haben, worauf bekanntlich Aphrodite dem Paris die Helena, schönstes Weib auf Erden, versprach. So wurde Helena zum Spielball. Der Götter. Ein kleiner, ohnmächtiger Frauenmensch als Preispokal, hin und her geschubst auf dem Schachbrett der Höhermächtigen. Nach deren Laune zertrennt, zerspielt, manipuliert.

          Zwischen Komödie und Schizo-Tragödie

          Und als unendlich lebenslang genervtes, sanft rotziges, aber penetrant trotziges Aufbegehren gegen solch höhere Lenkung und Leitung spielt die Schauspielerin Birgit Minichmayr die unterdrückte, mühsam an der resignierten Tobsuchtsgrenze gebändigte Lebenswut dieser jungen Frau, die sich fragt: Wer bin ich denn nun - ich oder ich? Bin ich hier wirklicher, wo ich nichts bewirke außer Warten? Oder in Troja, wo mein Nicht-Ich alles bewirkt, was schrecklich ist? Die Schauspielerin, der man zutrauen würde, jeden Gott, der sie irgendwohin entführen wollte, mit ein paar kehlig verschluckten Aggressionslauten, über alle Stimmbandreibeisen geschleift, in die Flucht zu schlagen, hat hier ihre Figur nur erst einmal geparkt. Man wird noch sehen, was man an ihr hat.

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          Es ist eine Situation zwischen Antiken-Operette - man vermeint dazu Jacques Offenbach in spritzigstem Weh-Moll zu hören - und Antiken-Moderne. Zwischen Komödie und Schizo-Tragödie: Eine Person taucht zum ersten Mal in der Dramatik als Zweiheit auf. Als Maske, von der das Gesicht abgegangen ist. Dass „Helena“ antike Gewänder trägt, sollte nicht hindern, sie als eine von uns zu betrachten. Schließlich ist auf dem Theater nichts leichter als eine Umkostümierung. Dass sie nicht häufiger gespielt wird, kann nur mit der Haupttodsünde der Dramaturgen, der Trägheit, erklärt werden. Nicht umsonst hat Euripides, der modernste und kühnste und frauenverständigste der antiken Dramatiker, diesen Gegenentwurf der ägyptischen Helena zum trojanischen Vorwurf 412 vor Christus gewagt, als Athen einen blutigen, vernichtenden, sinnlosen Krieg auf Sizilien verloren hatte, Anfang vom Ende der attischen Herrlichkeit.

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