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Lorin Maazel wird achtzig : Er stieg nach oben und blieb dort

  • -Aktualisiert am

Ein Leben als Triumphzug durch die internationale Orchesterlandschaft: Lorin Maazel Bild: dpa

Ein Dirigent für die ganze Musikwelt: In der Karriere von Lorin Maazel, der schon im Alter von neun Jahren großen Orchestern voranstand, folgte ein Gipfelsturm dem nächsten. Heute feiert er seinen achtzigsten Geburtstag.

          Wunderkinder gleichen meist den Sternschnuppen. Sie leuchten schnell und hell auf und verlöschen dann alsbald wieder. Den Gegenbeweis trat Lorin Maazel an. Geboren in Neuilly-sur-Seine als Sohn einer hochmusikalischen Familie, blieb ihm gar nichts anderes übrig, als sich frühzeitig auf eine glanzvolle Karriere vorzubereiten. Als Neunjähriger leitete er bereits das Los Angeles Philharmonic Orchestra in der Hollywood Bowl, ein Jahr später stand er vor dem New Yorker Philharmonischen Orchester im Lewisohn-Stadion, und 1941 lud ihn Toscanini ein, zwei Konzerte mit dem NBC-Orchester zu leiten.

          Eine gewöhnliche Wunderkindkarriere wäre damit schon am Ende. Maazel aber stieg und stieg unbeirrbar nach oben. Serge Koussevitzky lud den Einundzwanzigjährigen zu den Bostoner Symphonikern nach Tanglewood ein. Zwei Konzerte an der Mailänder Scala im Jahr 1955 lenkten auch in Europa die Blicke auf den amerikanischen Dirigenten. Bayreuth wurde auf ihn aufmerksam und verpflichtete ihn 1960 für einen neuen „Lohengrin“, sechs Jahre später dirigierte er bei den Festspielen den „Ring des Nibelungen“. Die großen Musikfestspiele rissen sich förmlich um den Dirigenten Maazel, vierhundert Konzerte mit dreißig führenden Orchestern verzeichnet die Maazel-Statistik bereits Anfang der sechziger Jahre. Die Wiener Philharmoniker, das Orchestre National des französischen Rundfunks, etwas später das New Philharmonic Orchestra London, das Orchestre National de France und das Cleveland-Orchester folgten und noch einige mehr: Wer zählt die Orchester, bei denen Maazel musikalische Einkehr hielt?

          Berliner Unfall, Wiener Zwischenspiel

          In Deutschland trat er 1965 erstmals als Generalmusikdirektor auf: an der Deutschen Oper Berlin. Doch das genügte ihm nicht. Zugleich übernahm er auch die Chefposition des Radio-SymphonieOrchesters Berlin - in beiden Funktionen folgte er dem Dirigenten Ferenc Fricsay. Das Publikum und auch die Kritik bewunderten Maazels schier grenzenlose Fähigkeiten, nicht zuletzt wegen der unerhörten Präzision seines Dirigierstils. Gleichwohl ist auch ein Perfektionist nicht gegen gelegentliche Unfälle gefeit. In einer „Fidelio“-Premiere setzte der Tenor Hans Beirer im Finale falsch ein, Sänger und Dirigent schoben sich gegenseitig die Schuld an dem Durcheinander zu, und in dieser Zeitung schloss Hans Heinz Stuckenschmidt seine Kritik mit dem hübschen Satz: „Die Revolutionsoper endete im Chaos!“

          Die nächste Gipfelbesteigung folgte 1982: Lorin Maazel wurde Operndirektor in Wien. Die Wiener Staatsoper gleicht in mancher Beziehung einem verminten Gelände. Wer Neuerungen einzuführen gedenkt, muss damit rechnen, unerwartet hochzugehen. Maazel wollte das in Wien praktizierte Repertoiresystem mit täglich wechselnden Stücken durch ein Blocksystem nach Stagione-Prinzip ablösen. Die Konflikte waren damit programmiert, und da Maazel außerdem häufig andernorts gastierte - Zitat Maazel: „Man kann ein Opernhaus auch per Fax leiten“ -, war der Wiener „Heirat“ keine Dauer beschieden.

          Münchner Glanz

          Auf Stellungssuche brauchte ein Maazel gleichwohl nicht zu gehen. Es gab genügend Orchester, die sich nach ihm förmlich zu sehnen schienen. Nur die Berliner Philharmoniker, mit denen er oft auf Reisen gewesen war, gaben ihm 1989 einen Korb, als sie sich für Claudio Abbado als Karajan-Nachfolger entschieden. Maazel stellte ziemlich pikiert dem Nachfolger seine Termine mit den Berlinern zur Verfügung. Die Verstimmung zwischen Maazel und dem Orchester hielt ziemlich lange an. Tröstung kam aus München. 1993 übernahm Maazel von Sir Colin Davis die Chefposition beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Die Münchner Jahre bis 2002 darf man ohne Einschränkung zu den glanzvollsten im Münchner Musikleben zählen. Maazel setzte dem ohnehin schon perfekten Orchester noch das i-Tüpfelchen an virtuoser Bravour und instrumentaltechnischer Brillanz auf. Zahlreiche Weltreisen brachten dem Münchner Ensemble auch international Ruhm ein.

          Maazels Erklärung, danach kein Orchester mehr als Chef übernehmen zu wollen, war schon zwei Jahre später Makulatur: Das New York Philharmonic Orchestra brauchte einen Nachfolger für Kurt Masur. Maazel konnte dem traditionsreichen Orchester bald neuen Glanz verleihen. Und auf den hoffen nun auch Münchens Philharmoniker, wenn sie denn Maazel zum hochwertigen „Ersatz“ für den ungetreuen Christian Thielemann küren könnten. Maazel bietet dem Münchner Orchester die Chance, sich etwas aus den programmatischen Monokulturen der Vorgänger zu befreien, obwohl Maazel auch ein expressiver Bruckner-Dirigent und ein eleganter Strauss-Darsteller sein kann. Am 6. März feiert er seinen achtzigsten Geburtstag.

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