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Nachruf auf Loretta Lynn : Mädchen aus dem blauen Kentucky

  • -Aktualisiert am

Auf gepackten Gitarrenkoffern: Loretta Lynn, 1975 in Nashville Bild: picture-alliance

Siebzig Platten in sechzig Jahren, und das alles in einem Leben von neunzig Jahren: Die Countrysängerin Loretta Lynn ist gestorben.

          2 Min.

          Loretta Lynn, geborene Webb, war aus dem Backfisch-Alter wie überhaupt aus dem Gröbsten heraus, als sie, gemeinsam mit ihrem Mann Oliver, Klinken putzen ging. Die Eltern von damals vier Kindern – Zwillinge kamen später noch dazu – klapperten im Jahr 1960 die Radiostationen des amerikanischen Südens ab und drückten den Discjockeys ohne weiteres eine Single in die Hand – „I’m A Honky Tonk Girl“: Das blieb, als Visitenkarte, mehr als sechzig Jahre gültig. Loretta Lynn wurde die Königin der Country-Musik – nicht so grell-spektakulär wie Dolly Parton, nicht so folkig-empfindsam wie Emmylou Harris und auch nicht so vamphaft-verführerisch wie Jessi Colter; dafür ein Muster an Standhaftigkeit, Professionalität und Produktivität, ein Monument, beständiger als Erz, könnte man mit Horaz sagen.

          Edo Reents
          Redakteur im Feuilleton.

          An den markantesten ihrer insgesamt wohl siebzig Plattenveröffentlichungen kann man ihre Lebens- und Karrierestationen wortwörtlich ablesen und -singen: vom „Blue Kentucky Girl“, das als „Coal Miner’s Daughter“ keine leichte Kindheit hatte, aber bald eine selbstbewusste Weiblichkeit verkörperte, die sie Konkurrentinnen absprach („You Ain’t Woman Engough“), hin zur Ehepartnerin, die zur Hingabe fähig, aber zur Unterordnung nicht bereit, auch fuchsig werden kann und dann warnt „Don’t Come Home A Drinkin’ (With Lovin’ On Your Mind)“ bis zur dienstältesten Interpretin nicht nur dieses Genres, die zuletzt und also am besten lacht („They call me hillbilly, but I got the last laugh“) und, nicht lange vor dem Eintritt ins zehnte Lebensjahrzehnt, immer noch von sich behaupten konnte, sie sei „Still Woman Enough“.

          Lektionen in Mut und Beharrlichkeit

          Aber wie viel Frau ist genug? Es kommt drauf an. Loretta Lynn brachte einen selbstbewussten, aber keinesfalls krakeelenden feministischen Ton in den Country. Das war, nach Jahrzehnten männlicher Herrschaft und dem entsprechenden Themenkatalog aus Alkohol, Eifersucht, Liebeskummer und Heimweh, doppelt unerhört. Nachfolgende Generationen nutzen diese Errungenschaft bis heute, Lucinda Williams, Shania Twain oder Kacey Musgraves. Die Wilburn Brothers waren die ersten, die auf sie aufmerksam wurden, und vermittelten sie an Decca Records. Ihr Einstand 1962 in der Grand Ole Opry band sie an Nashville. Es bis dorthin geschafft zu haben, bedeutete für jeden Countrymusiker Triumph und Gefährdung. Unzählige haben sich dort den Schneid abkaufen lassen, aber Loretta Lynn nicht. Mit eleganter Selbstverständlichkeit setzte sie sich in den Hitparaden fest und wurde, für mehr als ein Jahrzehnt, die dominierende Interpretin – June Carter Cash hatte genug damit zu tun, Johnny und den Rest der Familie in Schach zu halten.

          Zur Mitte ihres Lebens schrieb sie schon ihre Autobiographie „Coal Miner’s Daughter“, deren spektakuläre Verfilmung durch Michael Apted (deutsch „Nashville Lady“, 1980) der Titeldarstellerin Sissy Spacek einen Oscar einbrachte. Indirekt war damit bewiesen, wie sehr ihrer Existenz etwas Exemplarisches anhaftete, das, schon aufgrund der harten Lehrjahre, nicht unbedingt zur Nachahmung einlud, aber Lektionen in Sachen Mut und Beharrlichkeit bereithielt. Wie die britische Königin ihre Premierminister hat kommen und gehen sehen, so sah und verabschiedete sie ihre musikalischen Partner – unter anderen Ernest Tubb, Conway Twitty, Shel Silverstein, Elvis Costello und der junge Jack White, der ihr eine der bemerkenswertesten Platten maßschneiderte, die wohl je eine Unterhaltungsmusikerin in diesem Alter aufgenommen hat; aber da war sie auch erst Anfang siebzig.

          Zuletzt steht man staunend vor diesem gewaltigen, qualitativ konstanten Werk, das praktisch keine Ausreißer, noch nicht einmal schrille Töne birgt. Mit Anmut, Würde und einem gebirgsbachklaren, nie süßlichen Sopran hat sich Loretta Lynn auf den Thron gesungen, von dem aus sie nun, neunzigjährig, in eine andere Welt aufgebrochen ist.

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