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„Lolita“ in Prag : Schuld und Sühne des Professors

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Inbrünstiges Drama zwischen Motel und Trailer: Die Sopranistin Pelageja Kurennaja in der Titelrolle der „Lolita“ Bild: Patrik Borecky

Die flatterhafte Fabel in den düsteren Sphären Dostojewskis: Mit Rodion Schtschedrins Oper „Lolita“ erlebt das Prager Ständetheater eine Sternstunde des zeitgenössischen Musikschaffens.

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          Eine Bilanz des kalten Krieges muss den Russen zubilligen, dass sie sowohl die Ersten im Weltraum waren als auch gegenüber den Amerikanern weltweit den Vorrang in den Konzertsälen behaupteten. Jene verfügten allenfalls über gleichrangige Virtuosen unter Instrumentalisten und Sängern, die aber zumeist emigrierte Europäer waren, darunter wiederum viele Russen. Einen Tonsetzer vom Rang Dmitri Schostakowitschs hatten die Vereinigten Staaten nicht vorzuweisen. Gegen die Präsenz von dessen Werken auf internationalen Spielplänen sind die künstlerischen Hinterlassenschaften von Leonard Bernstein, Aaron Copland und Samuel Barber so markant wie Spuren im Wüstensand. Auch die hohe Präsenz russischer, baltischer und kaukasischer Kapellmeister an den Pulten zeugt für die regsame Musikkultur der verflossenen Sowjetunion.

          In den letzten Jahren traten nacheinander die großen russischen Komponisten ab, 1996 ging Edison Denissow voraus, dann starb Alfred Schnittke, 2006 Galina Ustwolskaja, 2010 verschied auch Boris Tischtschenko. Der 1932 in Moskau geborene Rodion Schtschedrin ist nun der letzte schaffenskräftige Zeuge jener Epoche. Sein Vater war während des Krieges Schostakowitschs Sekretär. Schon der kleine Rodion verkehrte mit dem Meister, der ihn später zu seinem Nachfolger als Vorsitzender des sowjetischen Komponistenverbands bestimmte. Als das Sowjetreich implodierte, nahm Schtschedrin einen Wohnsitz in München.

          Mehr als eine lasziv boulevardeske Revue mit Vamp

          Dort lebte er seither mit seiner 2015 verstorbenen Frau, der Ballerina Maja Plissezkaja, im Wechsel mit Aufenthalten in Moskau, Petersburg und einem Sommerhaus in Litauen. Bereits im Jahr ihrer Entstehung 1965 erklang Schtschedrins zweite Sinfonie während des Musikfestivals Prager Frühling. Jetzt ist am traditionsreichen Prager Ständetheater in Anwesenheit des Komponisten die 1992 entstandene Oper „Lolita“ in russischer Sprache zur Aufführung gelangt. Wer erhoffte oder befürchtete, frei nach dem Skandalroman von Vladimir Nabokov eine lasziv boulevardeske Revue mit Musik geboten zu bekommen über einen Literaturprofessor, der einem minderjährigen Vamp verfällt, der lag falsch.

          Der Komponist, der sein Libretto selbst verfasste, erhebt die flatterhafte Fabel in die düsteren Sphären von Dostojewskis Nachsinnen über „Schuld und Sühne“. Humbert bezichtigt sich seiner Vergehen, schildert den Hergang, und der Chor wiederholt seinen Schuldspruch. Mit slawischer Inbrunst beschwört die Oper das ewige Drama zwischen Mann und Weib. Doch es gibt auch Revue-Nummern, etwa drei bizarre Intermezzi, in denen ein Frauen-Duett auf Englisch jeweils für Präservative, Türschlösser und Zigaretten wirbt. Die unaufdringliche Kulturkritik wird verstärkt durch die Armseligkeit der Handlungsorte Reihenhaus, Motel und Trailer. Die Regisseurin Sláva Daubnerová geht mit bösartiger Präzision vor. Boris Kudličkas Bühnenbild erinnert in seiner brutalen Ödnis an Filmszenen aus Lars von Triers Amerika-Triologie.

          Die Musik ist sparsam arrangiert und wirkt doch üppig. In der Proszeniumsloge des spätbarocken Theaters verrichten Perkussionisten ihre geheimnisvolle Aufgabe. Als Humbert der Flucht Lolitas innewird, ereignet sich ein orchestraler Ausbruch von glühenden Klangfarben und einer Suggestionskraft, gegen die Igor Strawinskys „Rake’s Progress“ ein kühler Hogarth-Kupferstich bleibt. Er vertraue stets seiner Intuition, bekennt der Komponist. Musik sei für ihn eine Angelegenheit von Empfindung und Eingebung.

          Das kurze Aufblitzen eines Klischees

          Schtschedrin handhabt souverän alle Raffinessen der musikalischen Entwicklung des zwanzigsten Jahrhunderts, von der Zwölftontechnik über die serielle Musik bis zur Aleatorik. Jedoch setzt er diese Kniffe nie zum Selbstzweck ein und bleibt skeptisch gegenüber einer hermetischen Tonkunst, die nur einen kleinen Kreis von eingeweihten Spezialisten anspricht: „Boris Pasternak sagte, dass große Dichtung eines großen Publikums bedarf. Ich glaube für die Musik gilt das ebenso.“ Vor vier Jahren wurde seine jüngste Oper „Ein Weihnachtsmärchen“ nach einem Märchen der tschechischen Nationalschriftstellerin Božena Němcová in Petersburg von Valery Gergiev uraufgeführt. Die Sängerin der Titelrolle Pelageja Kurennaja singt auch in Prag die Lolita. Ebenso werden die anderen drei Hauptpartien von russischen Sängern gegeben.

          Der Humbert Humbert von Petr Sokolov ist kein Monster, sondern eher ein faustischer Mensch, dem der Komponist mit dem Widersacher Clare Quilty (Alexander Kravets) einen mephistophelischen Klingsor gegenübergestellt hat. Die Inszenierung vermeidet visuelle Anzüglichkeiten. Nur die weißbestrumpften Sängerinnen des Prager Philharmonischen Kinderchors in kurzem Faltenrock und Sporthemd lassen kurz das Klischee aufscheinen. Mit dem Gartenschlauch, mit dem er eben noch die klägliche Hecke benetzte, fesselt Humbert die Witwe Charlotte Haze (Daria Rositskaja). Am Pult lenkt der in Deutschland lebende junge russische Dirigent Sergej Neller diese gezähmte Leidenschaftlichkeit.

          In Prag ist gegenwärtig eine Sternstunde des zeitgenössischen Musikschaffens zu erleben. Dass dies gegenwärtig so selten geschieht, liegt an kunstfeindlichen Praktiken des Konzertbusiness, wodurch der nachwachsenden Generation das Interesse an Kunstmusik verkümmern kann. Schtschedrins „Lolita“ ist ebenso lebensfähig wie Alban Bergs „Lulu“ und Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“. Schtschedrin verbindet in der Schlussszene auf Gogol’sche Weise Pathos und Ironie. In die einschränkende Warnung der Zigaretten-Reklame „Rauchen ist tödlich“ braust abermals der Schuldspruch des Chores „Humbert, du wirst des Todes für schuldig befunden“.

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