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„Lohengrin“ in Stuttgart : Der Schwan wird hier zur Martinsgans

  • -Aktualisiert am

Szene aus dem Stuttgarter „Lohengrin“ Bild: Matthias Baus

Schwarmintelligenz beim Menschen? Die können wir vergessen: Beim Stuttgarter „Lohengrin“ klebt zusammen, was zusammengehört.

          3 Min.

          Vögeln, Fischen und anderen Wesen aus „Brehms Tierleben“ wird eine sogenannte Schwarmintelligenz zugesprochen: Sie fliegen, rennen oder schwimmen alle in die gleiche Richtung, um entweder rechtzeitig vor Wintereinbruch nach Süden zu gelangen, mit dem Jahreslauf saftigere Weiden zu erreichen oder dem natürlichen Feind zu entkommen. Die Schwächsten erwischt es, was genetisch Optimierung bedeutet: Die stärkeren Exemplare pflanzen sich fort. Das geschieht als natürliche Mengenlehre ganz instinktiv, womit wir beim Thema wären, der Stuttgarter Inszenierung von Richard Wagners romantischer Oper „Lohengrin“ in der Regie des Ungarn Árpád Schilling.

          Haben auch Menschen als Gruppe, als Volk, so eine Schwarmintelligenz, die sie instinktiv den rechten Weg, nämlich den ins Stadium der aufgeklärten Selbstbestimmung, einschlagen lässt? Diese Frage muss trotz bitterster Erfahrung immer wieder neu gestellt werden, wie eben jetzt in Stuttgart. In der Staatsoper, wo mit dem jungen Orchesterchef Cornelius Meister und dem Intendanten Viktor Schoner alles auf Neuanfang gebürstet wird, bekommt das sichtlich finanzkräftige Premierenpublikum die Antwort auf leerer Bühne (Raimund Orfeo Voigt) während gut vier klanglich-sängerisch durchwachsener Opernstunden unmissverständlich serviert: Nein!

          Es fehlen nur noch die Winkelemente

          Der mit dem ungarischen Regierungschef Viktor Orbán wegen dessen antidemokratischen Staatsumbaus in direktem Streit liegende Árpád Schilling braucht gar nicht tief in die Geschichte zu schauen, um für seine These von der postrevolutionären Willfährigkeit eines Volkes einerseits und dem Machtmissbrauch von Mandatsträgern andererseits Beweise zu finden, beziehungsweise die Frage nach Missbrauch und Verführbarkeit zu stellen. Bilder von der politischen Wende in Deutschland, bei der die Montagsdemonstranten eigentlich etwas anderes wollten als bloß die D-Mark und schon gar nicht die Treuhand, belegen es deutlich im lesens- und anschauenswerten Programmheft. Folgerichtig ist der hervorragend disponierte Chor (Einstudierung: Manuel Pujol) vielsagend mit Billigkleidung aus falschem Jeansstoff, Tigerleggins, beigen Rentnerjoppen und grauen Arbeitsschürzen werktätiger Genossinnen ausgestattet – das sitzt (Kostüme: Tina Kloempken), und grau ist alle Theorie. Der Chor wird im schwarzen, monochrom hell ausgeleuchteten, nach hinten konisch sich verengenden Bühnenraum gewissermaßen nach geometrischen Mustern hin- und hergeschoben. Egal, welcher Macker gerade eine Ansage macht oder welches Weib sich in den Konflikt wirft: Jedes Mal wird sich die Hände gerieben und gejubelt. Es fehlen eigentlich nur noch die Winkelemente zum abgerundeten Bild staatlich verordneten Jubels. Beim Schlussapplaus im Publikum allerdings auch. Hundert Prozent Zustimmung – so etwas kennt man doch nur von der SPD, als Galgenhumor. Die nur ganz im Hintergrund vernehmbaren Buhrufer als Zeichen von eigener Lesart des Werks wirkten da fast schon wie bezahlt.

          Raffgierig und machtgeil ist hier auch Lohengrin (ein Moppel-Ich mit Hang zum Falsett: Michael König). Sein Schwan ist mehr oder weniger nur plüschiges Phallussymbol unterm bürgerlichen Gehrock, mit dem er Elsa (ein gekonntes Rollendebüt trotz zu lauten Orchesterklangs: Simone Schneider) herumkriegen möchte. Sobald das klappt, wird das Fabelwesen wie eine laffe Martinsgans immer wieder durch den Raum geworfen.

          Überzuckerter Klangkleister

          Wagners Spagat zwischen Nummernoper und Musikdrama, wie er sich in diesem Werk mit deutlich hörbaren Vorausahnungen von „Rheingold“ und Siegfrieds Tod abzeichnet, verkommt gekonnt in diesen szenisch eindeutigen Momenten zum Kadaverblues. Und wenn Gevatter Lohengrin gar in der zentralen Szene des Werks mit Elsa im Hochzeitsgemach, wo sie ihn wegen seiner Namenlosigkeit zur Rede stellt, ganz proletarisch die Hosenträger runterbaumeln lässt und dabei vom Duft der Liebe säuselt – dann gut’ Nacht. An ihrer forschen Forderung „erst Name, dann Treue“ kommt der Gralsgesandte nun nicht mehr vorbei. Am Ende ist sie, Elsa, trotz aller Ehrlichkeit des vermeintlichen Bräutigams die große Verliererin, während ihre Gegenspielerin Ortrud (eine Wuchtbrumme: Okka von der Damerau ebenfalls in beeindruckendem Rollendebüt) alte heidnische Verhältnisse unter neuen Vorzeichen einfach wiederherstellen kann. In diesem also von Anfang an verlogenen Spiel erklingt der musikalisch längst verbrauchte Hochzeitsmarsch nurmehr als überzuckerter Klangkleister.

          Bemerkenswert auch, dass Wagner hier einen recht pessimistischen gesellschaftlich Schluss ohne jeden Erlösungsgedanken formuliert – Respekt. Damit ist Wagner Büchner näher gekommen als seinem späteren Sektierertum in eigener Sache.

          Der Dirigent Cornelius Meister und das Orchester müssen sich in der nach wie vor heiklen Akustik der Stuttgarter Staatsoper noch finden und zusammenwachsen. Wer durch Lothar Zagroseks Schule der klanglichen Tugenden gegangen ist wie die Stuttgarter Musiker, ist mit allem und jedem, was und wer kommt, selbstredend kritisch und fordert auch sich selbst heraus. Das sollte aber gegenseitiger Ansporn werden, den Opernraum gemeinsam in den Griff zu bekommen. In der Premiere mussten sich die Sänger arg gegen das Orchester behaupten. Mit „Ich liebe dich“ muss man sich ja nicht gleich anschreien. Goran Jurićs König Heinrich war am klarsten, er hatte aber sowieso nur die Rolle eines Grüßdirektors. Martin Gantner als Lohengrins Widersacher Telramund glänzte mit deutlicher Artikulation und raumfüllender klanglicher Dramatik ohne jeden Wackler sowie schmieriger Intrigantenmiene. Wie Shigeo Ishino als Heerrufer des Königs auf einem aufrechten Koffer stehend das Geschehen moderierte, war schon akrobatisch erstklassig. Aber auch das eine Einsicht aus dieser Inszenierung: Individuelle Liebe und Annahme, eigentlich dasselbe, lässt sich nicht vergesellschaften. Solidarität, laut Che Guevara die Zärtlichkeit der Völker, meint wieder etwas anderes.

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