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„Trump“ am Schauspiel Dortmund : Die Wahlkampf-Party höret nimmer auf

Noch steht das Weiße Haus, aber bald wird Washington von einem Anschlag heimgesucht: Bettina Lieder und Andreas Beck bei der deutschsprachigen Erstaufführung von Mike Daiseys „Trump“ am Theater Dortmund. Bild: Birgit Hupfeld

Sein erster Deutschland-Besuch führt den amerikanischen Präsidenten ins Theater: Marcus Lobbe inszeniert Mike Daiseys „Trump“ am Schauspiel Dortmund als bunte Wahlkampfparty mit kritischem Ausblick.

          Das Stück hatte schon vor der Premiere Schlagzeilen gemacht. Der WDR meldete die deutsche Erstaufführung in den Nachrichten. Denn mit „Trump“ von Mike Daisey betritt der neue amerikanische Präsident zum ersten Mal eine deutsche Bühne, diese Premiere beschert die besondere Aufmerksamkeit. Das Missverständnis der Veranstaltung ist damit angesprochen. Denn der Erste zu sein ist für das Theater keine Qualität, wie es das im Nachrichtengeschäft oder für den Sport wäre. Das Schauspiel Dortmund danach zu beurteilen hieße, den falschen Maßstab anzulegen. Der Igel ist dem Hasen, auch wenn er ihn nicht einholen kann, überlegen.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Mike Daisey, geboren 1976 in Maine, der als Theaterautor wie als Journalist arbeitet, hat „The Trump Card“ schon vor der Präsidentschaftswahl geschrieben und den Monolog, der ihn, am Schreibtisch sitzend, zweieinviertel Stunden lang reden lässt, in vielen amerikanischen Städten aufgeführt. Eine Recherche zum Aufstieg des Donald Trump, wer er ist und wie er dazu wurde: Seine Biographie wird aufgeblättert, das Geschäftsmodell seines Vaters Fred, eines Rassisten und Raubtierkapitalisten, der mit Schrottimmobilien Millionen gemacht hat, geschildert, „Trump, The Game“, ein „Monopoly für Betrüger“, vorgestellt, sein Verhältnis zu dem „bösen Berater“ Roy Cohn, einem Schergen McCarthys, angesprochen, seine gefälschte Einwanderlegende kolportiert und sein Selbstdarstellungskult in der Reality-TV-Show „The Apprentice“ aufgespießt, sein gestörtes Verhältnis zur Wahrheit erwähnt und viele seiner Unterstellungen, Anschuldigungen, Entgleisungen, Regelverstöße, Lügen und Pöbeleien werden kompiliert. Dazwischen wird auf die Metaebene gewechselt: „Wie kann man aus so einem Scheiß einen guten und glaubwürdigen Theaterabend über den Präsidenten der Vereinigten Staaten zusammenzimmern?“ Gute Frage.

          Bettina Lieder und Andreas Beck mischen sich bei der „Wahlkampf-Party“ unters Publikum.

          Wer sich über Trump mehr als in Schlagzeilen informiert und das heißt, die Medien aufmerksam verfolgt hat, findet in dem Text wenig, was er nicht schon weiß. Als Studie einer zwanghaften Persönlichkeit greift Daiseys Trump-Porträt zu kurz, die gesellschaftspolitische Konstellationen und Stimmungen, die den Erfolg des Immobilienmoguls begünstigt haben, werden kaum beleuchtet, zwei seiner „Ersatzväter“, der Kriegsveteran und Football-Trainer Theodore Dobias und der Pastor Norman Vincent Peale, kommen gar nicht vor. In Gehalt und Analyse ist das Stück einem differenzierten Zeitungsartikel unterlegen, und so käme es darauf an, die Figur mit den Mitteln und Freiheiten des Theaters so darzustellen, dass es über das Bekannte hinausgeht.

          Die Party ist vorbei, Trump noch lange nicht

          Am Theater Dortmund ist der Monolog, den die Dramaturgin Anne-Kathrin Schulz übersetzt hat, auf neunzig Minuten gekürzt und auf zwei Rollen verteilt. Die Inszenierung von Marcus Lobbes lässt „Sie“ und „Er“ vor einer Postkartenansicht des Weißen Hauses auftreten, das bald, von einem Anschlag getroffen, qualmend in Trümmern liegt. Die Zuschauer sind, mit Namensschildchen versehen, Gäste einer - ziemlich mickrigen - Wahlkampfparty: In dem mit Stars & Stripes und rot-weiß-blauen Papiergirlanden ausgehängten Raum stehen sie zu dritt oder viert an Biertischen, die mit Fähnchen, Luftschlagen und Salzstangen dekoriert sind, an einer Theke werden Hotdogs, Drinks und Popcorn gereicht.

          Von der Kulisse des Weißen Hauses sind nach dem Anschlag nur qualmende Trümmer übrig.

          Im Megastore, der Ausweichspielstätte im Stadtteil Hörde, wo das Theater zwischen Autohäusern, Speditionen und einem alten Hoesch-Gasometer in der Diaspora keinen leichten Stand hat, spielen die beiden Darsteller - Bettina Lieder im lilafarbenen, schulterfreien Abendkleid und auf High Heels, Andreas Beck im schlecht sitzenden schwarzen Anzug - den Text flott herunter, mischen sich unters Publikum, nehmen sich auch einzelne Zuschauer vor und sprechen einen von ihnen als ausgepressten Subunternehmer an. Dabei erscheint die Party als Grundkonstellation so banal wie beliebig, auch wenn sie am Ende „kritisch“ ausgestellt wird: Die Deko wird abgeräumt, der Kunstrasen eingerollt, die Schauspieler kommen in Alltagskleidern zurück. Und fordern die Zuschauer auf, es nicht einfach bei einem entlastenden „Scheiß drauf!“ zu belassen. Denn: „Jedes Mal, wenn das passiert, nutzt sich unser persönliches Gefühl für Anstand ab.“ Was die Szene anschaulich vermitteln müsste, verdampft als moralischer Appell. Die Party ist vorbei, Trump noch lange nicht.

          Der Igel versucht, den Hasen zu spielen, und bleibt auf der Strecke. Das Theater arbeitet an seiner Selbstaufgabe, die Kunst zahlt drauf. Ein läppisch schlichtes Stück über einen läppisch schlichten Präsidenten. Das passt dann wieder. Kongenial.

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