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Antwerper Oper : Holocaust-Happening

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In Deutschland wird die Oper „Die Wohlgesinnten“ in Nürnberg am Staatstheater zu sehen sein. Bild: F.A.Z.

Vielfach wurde Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten“ schon auf die Bühne gebracht. Eine Neuinterpretation in Antwerpen hat es in sich – vor allem musikalisch. Dabei führte Calixto Bieito Regie.

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          Mehr als ein Dutzend Mal schon wurde Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten“, im August 2006 auf Französisch unter dem Titel „Les bienveillantes“ erstmals erschienen, als Theaterstück auf die Bühne gebracht – in aller Welt und in unterschiedlichen Fassungen.

          Das mag verwundern, weil auf den Bearbeiter ein gutes Stück Mühsal wartet: 1400 Buchseiten wollen durchforstet sein, die zum großen Teil nüchtern sich gebende Berichte enthalten und eine Faktenflut, den Holocaust betreffend, für deren Meisterung Jonathan Littell gleichermaßen bewundert wie von entnervten Lesern verflucht wurde. Jedoch lockt offensichtlich die Aufgabe eines künstlerischen Zugriffs, den eine Bühnenbearbeitung in diesem Fall entschieden erfordert. Und es lockt, weil es die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit garantiert, das politisch-ästhetische Reizklima um diesen Roman, der nach seinem Erscheinen vor gut zehn Jahren in Frankreich begeistert gefeiert, in Deutschland nach seiner Übersetzung aus dem Französischen mehrheitlich abgelehnt wurde.

          Seit neuestem gibt es nun auch eine Oper zum Stoff, was ebenfalls erstaunt, nicht zuletzt, weil man sich so schlecht vorstellen kann, wie der SS-Offizier Max Aue, den Jonathan Littell in einer Art Roadtrip an die Stätten des Holocausts führt (und dabei allerhand Nazi-Prominenz über den Weg), singend auftreten soll. Als stiller Beobachter reist Aue ja umher, um nach dem Krieg den durchfallartig sprudelnden Bericht als ihm gemäße Äußerungsform zu entdecken. Einladend jedoch schien dem vielbeschäftigten Händl Klaus, der – nach Arbeiten für Georg Friedrich Haas, Heinz Holliger, Toshio Hosokawa und Beat Furrer – das Libretto auch zu dieser Oper schrieb, und dem Komponisten Hèctor Parra, der es vertonte, dass Musik in diesem Roman immer wieder erwähnt wird.

          „Die Wohlgesinnten“: Das Drama eines Mannes, der ein Leben lang darunter leidet, für den Inzest mit seiner Schwester von seiner Mutter bestraft worden zu sein.

          Aue hält sich für einen verhinderten Pianisten, und er mag Johann Sebastian Bach und die Musik des französischen Barocks (wohingegen der geigende Horror-Bürokrat Adolf Eichmann, wie wir im Roman erfahren, Johannes Brahms dem „zu berechnenden“ Bach vorzieht. Eine der platten Pointen, die Littell gerne liefert). Über bloßes Namedropping gehen solche Erwähnungen im Roman kaum hinaus, sie dienen vor allem dazu, den Bildungshintergrund des SS-Mannes zu illustrieren. So auch, wenn der Roman in den Kapitelüberschriften nach den Sätzen einer barocken Tanzsuite gegliedert ist, beginnend mit einer Toccata, abschließend mit einer Gigue. Das veranschaulicht zwar Aues Zynismus, wirkt in der Zuordnung aber meist willkürlich.

          In der Oper, die nun in Antwerpen uraufgeführt wurde, bleibt die Gliederung in Suitensätze erhalten und damit auch die Abfolge der Orte, an denen die Handlung spielt. Jedoch schafft Händl Klaus einen neuen Raum des Poetischen (und damit überhaupt erst die Möglichkeit für eine Oper), in dem der Gehalt des Romans gleichsam als Essenz erscheint. Was bleibt übrig? Das Drama eines Mannes, der ein Leben lang darunter leidet, für den Inzest mit seiner Schwester von seiner Mutter bestraft worden zu sein.

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