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Neue CDs mit Kunstliedern : Das Lied lebt

  • -Aktualisiert am

Eine der schönsten Stimmen der Welt: Jakub Józef Orliński Bild: Imgartists

Welch ein Reichtum an Jugend und Ideen: Asmik Grigorian bringt Lieder von Sergej Rachmaninow zum Leuchten, Jakub Józef Orliński entdeckt die vokale Lyrik Polens, Konstantin Krimmel lässt Heines Ironie bei Franz Liszt aufblitzen.

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          Von der Sorge ist immer wieder zu lesen, dass der Liederabend ein Konzertangebot von gestern sei. Zu den Rückzugsorten sind Schubertiaden in Schwarzenberg und Hohen­ems geworden, Konzerte der Hugo-Wolf-Akademie in Stuttgart oder beim Festival Heidelberger Frühling. Umso erfreulicher, dass viele (junge) Sänger darauf bedacht sind, sich auf der reinen Klangbühne eine zweite künstlerische Existenz zu sichern – eine Notwendigkeit zumal in den Krisenjahren der Pandemie. Für den Preis der deutschen Schallplattenkritik wurden in den letzten Monaten mehr als drei Dutzend Aufnahmen benannt: mit Mélodies und Chansons, Canciones und Canzone, Romanzen, Couplets und Songs, oft Raritäten, auch Kuriositäten. À la mode sind seit Längerem das „Konzept-Album“, bei dem das Programm stärker durch die Auswahl der Texte bestimmt wird und weniger durch die Musik der Lieder.

          Es ist ein steiler Einfall der Sopranistin Anna Prohaska, Leonard Cohens „Hallelujah“ und John Lennons „Eleanor Rigby“ mit Oswald von Wolkensteins An­rufung der Heiligen Jungfrau („Wer ist, die da durchleuchtet?“) oder mit einer „Douce dame jolie“ von Guillaume de Machaut zu koppeln – und durch pop-barocke Arrangements, vom Folia Barockorchester unter Robin Peter Müller im Verlauf der Aufnahme improvisierend erdacht, zu verkuppeln. Der Anlass zu diesem Potpourri mit Musik der Seele und der Verkaufstüchtigkeit – „Celebra­tion of Live in Death“ (alpha classics) – war die Pandemie. Musikalisch ernsthafter und dramaturgisch stringenter ist die Sammlung von 26 „Oden an den Tod“, die von Olivia Vermeulen, begleitet von Jan Philip Schulze, unter dem Titel „Hello Darkness“ (Challenge Classics), veröffentlicht wurde. Mit ihrer exquisit changierenden Stimme gibt sie unterschiedlichsten Lamentationen, Liedern und Manifestationen der Melancholie eine sprachlich subtil ausgeformte und musikalisch sublim ausgeleuchtete Gestalt – ein kluges Beispiel für Mentalitätsgeschichte. Die verdiente Würdigung: der Jahrespreis der deutschen Plattenkritik.

          Gibt es noch unbekannte Meisterwerke? Der Pianist Daniel Heide ist überzeugt, sie gefunden zu haben: späte Lieder aus dem weit verstreuten Nachlass von Franz Liszt – darunter „Gebet“, „Des lauten Tages Stimmen schweigen“ und „Wir dachten der Toten“. Unter dem Titel „Der du von dem Himmel bist“ hat er mit Konstantin Krimmel neunzehn der 85 Lieder aufgenommen (avi music). Fünf Lieder auf Texte von Goethe und sieben auf die von Heine werden als Zyklen aufgeführt. Der neunundzwanzigjährige Bariton besitzt eine biegsame, lyrische Stimme mit feinen Farben in der tenoral eingefärbten hohen Lage und reichen Reserven für expansive Klangsteigerungen – sei es in dem Goethe-Lied „Es war ein König von Thule“ oder in dem Heine-Lied „Im Rhein, im schönen Strome“. Die bittere Ironie Heines, die in Schumanns Liedern oft nur zu ahnen ist, wird in Liszts „Vergiftet sind meine Lieder“ schmerzlich spürbar.

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