https://www.faz.net/-gqz-agvac

Entdecktes Opern-Fragment : Leuchtturmwärters Seelenzittern

  • -Aktualisiert am

Jana Sibera singt in der Prager Staatsoper die Titelpartie der Femme fatale in Zemlinskys Opernfragment „Malva“. Bild: Serghei Gherciu

In Karlshagen auf Usedom schrieb Alexander Zemlinsky 1912 an einer Oper „Malva“ nach Maxim Gorki. Die Staatsoper Prag hat das Fragment aufführen lassen: psychologisch dichte, fein gewirkte Musik.

          4 Min.

          Gustav Mahler muss wohl Lunte gerochen haben, als Alexander Zemlinsky, der heute hundertfünfzig Jahre alt geworden wäre, ihm seinen neuesten Opernstoff präsentierte: ein älterer Mann, der mit einem jüngeren Mann (der auch noch dessen Sohn ist) um die Gunst einer koketten, mit ihren Reizen spielenden Frau streitet. Elf Jahre jünger als Mahler, der Wiener Hofoperndirektor, ist Zemlinsky, und er ist dessen Vorgänger, was die Beziehung zu Alma Schindler angeht. Kurzzeitig deren Kompositionslehrer, wurde Zemlinsky von einer heftigen Leidenschaft zur berühmt-berüchtigten Schönheit erfasst, seine Empfindungen, das zeigen Alma Schindlers Tagebücher, blieben nicht unerwidert (was sie später nicht davon abhielt, Zemlinsky als „scheußlichen Gnom“ zu bezeichnen).

          Hätte Zemlinsky, dem Naturell nach zur Schüchternheit neigend und zum „Versteckspiel“, wie der Musikwissenschaftler und Zemlinsky-Experte Antony Beaumont den Komponisten charakterisiert, sein Ziel entschiedener verfolgt, wäre aus dem „schönsten Mädchen Wiens“ womöglich eine Alma Zemlinsky geworden. So aber kam Gustav Mahler, heiratete Alma wenige Wochen nach dem ersten Zusammentreffen, kurz darauf kam Zemlinsky mit seinem Plan zur Oper „Malva“. Mahler, der zwei Jahre zuvor noch Zemlinskys „Es war einmal“ an seinem Haus uraufgeführt hatte, lehnte ab.

          Zehn Jahre später griff Zemlinsky den Stoff nach einer Erzählung von Maxim Gorki doch noch auf. Mit seinem Schwager und zeitweise engen Freund Arnold Schönberg verbrachte er, bald im Streit, einige Sommerwochen in Karlshagen auf Usedom, wo Schönberg gleichzeitig am „Pierrot lunaire“ schrieb. Die Umgebung regte Zemlinskys kreative Kräfte an. Wie sehr, das ließ sich nun in Prag erleben, wo zu Zemlinskys Geburtstag an der Staatsoper ein dreitägiges Festival veranstaltet wurde und auch Fragmente aus „Malva“ zur Uraufführung kamen. Von 1911 bis 1927 war Zemlinsky Musikdirektor der Staatsoper, des damaligen „Neuen Deutschen Theaters“. Das Haus war einst als Antwort der deutschsprachigen Bevölkerung auf den Bau des goldglänzenden tschechischen Nationaltheaters errichtet worden. Zemlinsky brachte im musikalisch eher konservativen Prag die Musik seiner Zeit zur Aufführung, setzte Schönberg, Berg, Pfitzner und Mahler aufs Programm und glänzte als Operndirigent mit besonderem Sinn für die Musik Wolfgang Amadeus Mozarts. Igor Strawinsky erinnerte sich an eine der „befriedigendsten“ Mozart-Aufführungen, die er in Prag unter Zemlinsky erlebt hatte, der Dirigent Josef Krips pries den subtilen Orchesterklang, der den Darstellern auf der Bühne ein unforciertes Singen ermöglichte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Eine Solarthermie-Anlage auf dem Dach wird mit einer Flüssiggasheizung kombiniert.

          Nachhaltig Wohnen : Unruhe unter Dämmern

          Die Dämmstoffindustrie ist alarmiert. Bauminister rücken von der einseitigen Ausrichtung an der Gebäudedämmung ab. Die Koalitionäre in Berlin sprechen von technologieoffenen Maßnahmen. Ein Paradigmenwechsel steht an.
                        Bald in der Luftwaffe? Eine amerikanische F-18 beim Katapultstart vom Flugzeugträger USS Carl Vinson

          Nukleare Teilhabe : Poker um den Atom-Bomber

          Nach der Einigung im Koalitionsvertrag muss entschieden werden: Sollen amerikanische Bomber oder deutsche Eurofighter in Zukunft die nukleare Teilhabe sichern?
          Demonstranten knien in Frankfurt vor einer Polizeikette

          Impfgegner und Anthroposophie : Höhere Einsichten dank Rudolf Steiner?

          Nach eigener Einschätzung verfügen sie über Spezialwissen, das allen anderen abgeht. Die Milieus der Anthroposophen und der „Querdenker“ haben viele Berührungspunkte. In der Pandemie macht das vieles schwerer.