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Entdecktes Opern-Fragment : Leuchtturmwärters Seelenzittern

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Subtil geht Zemlinsky auch in den eigenen Kompositionen vor, die nun in Prag zu hören waren. Sein zweites Streichquartett etwa, dargeboten vom in der Stadt beheimateten Zemlinsky-Quartett: ein Kammermusikwerk in einem einzigen Satz, den der Komponist gestaltet wie einen mitreißenden Roman. Episch, weniger dramatisch, in den Farbwechseln und Spannungsverläufen aber so überraschend und differenziert, dass sich wie von selbst der Drang zum Zuhören ergibt. Durchhörbar ist Zemlinskys Quartettsatz immer, was am äußerst fein spielenden Zemlinsky-Quartett ebenso liegt wie an der musikalischen Faktur. Gleichberechtigt sind die vier Stimmen in einer Weise, dass es keine neutralen Füllstimmen gibt, wie sie etwa im zweiten Streichquartett von Arnold Schönberg zu beobachten sind, das im selben Konzert zu hören war. Von Empfindung und Empfindsamkeit spricht bei Zemlinsky jede Geste, dass er dabei nicht ins Süßliche abgleitet wie mancher seiner Zeitgenossen und er mit seiner Musik keine Manipulation des Hörers verfolgt (seit Richard Wagner ein Ausdruck von künstlerischer Herrschaftsausübung), das zeichnet ihn besonders aus.

Das Porträt von Alexander Zemlinsky auf der Bühnenleinwand der Prager Staatsoper, davor das Opernorchester unter der Leitung von Karl-Heinz Steffens.
Das Porträt von Alexander Zemlinsky auf der Bühnenleinwand der Prager Staatsoper, davor das Opernorchester unter der Leitung von Karl-Heinz Steffens. : Bild: Serghei Gherciu

Die Unfähigkeit zu solch einem Herrschaftsanspruch, vielleicht auch das Desinteresse daran, mag zur Verdrängung der Werke Zemlinskys an den Rand des Repertoires beigetragen haben. Dabei scheint aber auch eine Musik möglich geworden zu sein, deren Ehrlichkeit und Konzentration in Zeiten von Fake News und Twitter-Gedöns ganz neu berühren können. Die Fragmente aus dem ersten Akt von „Malva“, die nun an der Prager Staatsoper konzertant uraufgeführt wurden, von Antony Beaumont aus Zemlinskys detailliert bezeichnetem Particell in eine Orchesterpartitur übertragen, zeigen einen tiefen Kenner der menschlichen Seele. Ruhig scheint die Oberfläche wie das Meer, das Zemlinsky hier – wohl unmittelbar unter dem Eindruck der Ostsee bei Usedom – mal in impressionistischen Farben nachzeichnet, mal im unbewegten Naturton des Anfangs von Gustav Mahlers erster Symphonie. Darunter aber brodelt und kocht es, wenn Vasilij, der als Leuchtturmwärter arbeitet, erfährt, dass die schöne Malva beim Eintreffen auch seinen erwachsenen Sohn Jakob mit im Boot hat. Symbolistisch eingedunkelt gelingt Zemlinsky hier ein Psychogramm, dessen Abgründe gewaltig sind. Hier wie auch in der „Lyrischen Symphonie“ gelingt Karl-Heinz Steffens, dem Generalmusikdirektor der Prager Staatsoper, mit seinem Orchester und Gesangssolisten des Hauses eine farbige, kraftvolle Wiedergabe.

Weitere Opern vom Vergessen bedrohter Komponisten sollen in den kommenden Jahren folgen, so ist es beim Projekt „Musica non grata“ vorgesehen, das vom Intendanten der beiden Prager Opernhäuser, Per Boye Hansen, initiiert wurde und von der Bundesregierung mit jährlich einer Million Euro unterstützt wird. Weiter gehend noch als beim mittlerweile wie ein Label funktionierenden Begriff „Theresienstädter Komponisten“ soll die Musik der Jahre zwischen den Weltkriegen in Erinnerung gebracht werden. Auf das Zemlinsky-Festival, das vom wissenschaftlichen Begleiter des Projektes, Kai Hinrich Müller, kuratiert wurde, soll im kommenden Jahr ein Festival folgen, das Prager Komponistinnen jener Zeit gewidmet ist. Dass das nicht als ein allein deutsches Projekt wahrgenommen wird, gehört im auf Einflussnahme von außen nach wie vor sensibel reagierenden Prag zu den Herausforderungen. Zemlinsky könnte für den Brückenbau aber ein guter Anfang sein: In fortgeschrittenen Jahren wurde er mehrfach eingeladen, die Tschechische Philharmonie, das Kronjuwel des tschechischen Musiklebens, zu dirigieren. Aufs Programm setzte er besonders die Musik Gustav Mahlers.

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