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Lessings „Emilia Galotti“ : Der Tugend bürgerliche Abziehbilder

Kniefall: Issak Dentler und Sarah Grunert in „Emilia Galotti“, inszeniert von David Bösch am Schauspiel Frankfurt. Bild: Thomas Aurin

David Bösch kultiviert am Schauspiel Frankfurt in Lessings „Emilia Galotti“ den Gegensatz von adligem Zynismus und bürgerlicher Moral. Aus dem Trauerstoff wird eine gedankenreiche Tugendtragikomödie.

          4 Min.

          Der Adlige ist der Verführer. Dass er die Naive niemals heiraten wird, wohin käme er denn, sondern nur in einer Ecke seines Hauses eine Zeitlang benutzen will, macht ihn besonders überlegen. Sie oder ihre Mutter mögen denken, es würde etwas daraus. Er denkt keine Sekunde daran. Der Adlige ist galant, heißt es in Lessings „Emilia Galotti“: Nichts klingt in der Sprache der Galanterie wie alles, sie trägt ganz leicht vom Wunsch zum Vorsatz hin, und alles ist in ihr „so viel als nichts“. Das macht paradoxerweise attraktiv. Denn der Adlige steht für die Ausnahme, er muss sich nicht mäßigen, er haftet nicht, er arbeitet ja nicht einmal oder nur zufälligerweise. Die Ehe ist ihm umso „egaler“, je mehr es die Ehe anderer Leute ist.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Der Prinz Hettore Gonzaga ist bei Lessing so ein Adliger. Er stellt der Patriziertochter Galotti recht unbeholfen nach, kann es nicht ertragen, dass sie gerade einen etwas hölzernen, aber selbstbewussten Grafen heiraten will, genehmigt, um das zu verhindern, seinem Berater Marinelli – „denken Sie für mich“ – jede Untat. Wenn Lüge nicht hilft, hilft Intrige, wenn Intrige nicht hilft, hilft Gewalt. Und Spurenbeseitigung: „Beton, Main, erledigt“, weist der Prinz zwar nicht bei Lessing 1772, aber auf der Frankfurter Bühne 2018 an. Der Adel war auch nur eine Mafia.

          Doch seine Gewalt greift ins Leere, weil Emilia Galotti für ihre Tugend zu sterben bereit ist. Die Intrige scheitert, weil der Prinz, keine Leuchte, voreilig verrät, was er im Schilde führt. Die Lüge fliegt auf, weil sie allzu fadenscheinig ist und weil hervortritt, was ein älteres Opfer Gonzagas, die Gräfin Orsina, in einem großen Dialog mit Marinelli über sie zu sagen weiß: Der Kern dieses Betrugs ist Verachtung. Nicht einmal beim Verführen gibt sich der Prinz viel Mühe, nicht einmal beim Abräumen des Konkurrenten sein Handlanger.

          In der klassischen Theatertradition waren die Adligen für große Gefühle, für Tugend, Haltung und das Aushalten von Schmerz zuständig. Dem einfachen Volk wies die Literatur, wenn überhaupt welche, dann die komischen Szenen zu. In David Böschs Frankfurter Inszenierung von Lessings Trauerspiel ist es genau umgekehrt. Hier sind die hohen Leute Komödianten. Der Gonzaga Isaak Dentlers, im violetten Nicki mit Totenkopf-Applikation, mit fettigem Haar und herunterhängenden Hosenträgern, ist kein Tunichtgut, sondern ein hilfloser, süffelnder Tugarnichts mit Kinderkrone. Gefühle hat er mehr aus Überdruss, und damit überhaupt etwas los ist. Das setzt Marinelli, den bösen Maschinisten des Stücks, umso mehr in Szene. Fridolin Sandmeyer, der dauernd witzig über den Text, den eigenen wie den der anderen, höhnt, weil für ihn die Welt ein Schmierentheater ist, bringt den höfischen Zynismus glänzend auf den Punkt. Seine Zigarette ascht der Intrigant in der Weihwasserschale ab.

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