https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/les-indes-galantes-von-rameau-an-der-opera-bastille-16408970.html

Rameaus „Les Indes galantes“ : Der Barock erobert die Banlieue

  • -Aktualisiert am

Ihr Gesang bleibt nicht allein: Sabine Devieilhe als Phani trifft auf mythische Straßentänzer Bild: Little Shao/Onp

Die Uraufführung von Rameaus „Les Indes galantes“ war bereits 1735. Unter Clément Cogitore bekommt die Oper nun aber einen modernen Glanz. An der Pariser Opéra Bastille vermählt der Regisseur Barockgesang und Streetdance.

          4 Min.

          Der schönste, sprechendste Moment ereignet sich zu Beginn des zweiten Akts. Die peruanische Prinzessin Phani sendet da ein Bittgebet an Hymnen, den Hochzeitsgott. Ohne Generalbass, nur auf eine Geigenstimme gestützt und von einer konzertanten Flöte umflattert, fleht die Inka-Schönheit um baldige Vermählung mit ihrem heimlichen Geliebten, einem Konquistador. Aufführungen und Aufnahmen, die ein Gespür für den introvertierten Charakter dieser Arie besitzen, verzichten hier auf Cembalo und sonstige Continuo-Instrumente, um die schlichte, verinnerlichte Dreistimmigkeit von Phanis „stiller“, gleichsam im Geiste vollzogener Anrufung hervorzuheben.

          So auch in der Pariser Opéra Bastille: Sabine Devieilhe singt „Viens, hymen“ wie im Licht einer Kerze des Malers Georges de La Tour, sotto voce, ganz nach innen gewandt, die Koloraturen wie tönende Oszillogramme der Bebungen des Herzens. Die Stimme ist so rein und fokussiert, dass sie auch im Pianissimo bis in die Tiefen des Riesensaals hinein leuchtet, nicht gleißend, sondern zart und warm. Doch ist dieses Flämmchen im Halbdunkel nicht allein: Ein Tänzer führt in seinem Schein eine Art stilisierten Straßentanz auf, etwas stupend Virtuoses und zugleich zitternd Fragiles, dessen schwebende, vogelartige Grazie mit ganz anderen Mitteln genau dieselbe Innigkeit heraufbeschwört wie Phanis Arie.

          Entführung in eine Zauberwelt

          Zwei Welten vermählen sich da, die a priori nicht fremder sein könnten: Barockoper und Streetdance. Auf dem Papier machte das Projekt die Stirn runzeln: Der Filmemacher und bildende Künstler Clément Cogitore hatte angekündigt, gemeinsam mit der aus der Hip-Hop-Bewegung herstammenden Tänzerin und Choreografin Bintou Dembélé Jean-Philippe Rameaus opéra-ballet „Les Indes galantes“ (1735) einer „dekolonialistischen“ Lektüre unterziehen zu wollen. Derlei Vorhaben sind, was Bühnenwerke angeht, selten ergiebig. Doch Cogitores Inszenierung macht die anfängliche Skepsis bald einem leisen Staunen weichen, das bis zum Ende des vierstündigen Abends dann zu lautstarker Euphorie anschwillt.

          Dem 36 Jahre alten Regisseur gelingt die gerade bei Barockwerken seltene Quadratur des Kreises, auf gängige Regie-Mätzchen zu verzichten und schlüssige szenische Äquivalente für das zu finden, was Libretto und Partitur „erzählen“, und nicht zuletzt eine ganz eigene Bild- und Gestensprache zu schaffen.

          Regisseur Clément Cogitore schafft eine ganz eigene Bild- und Gestensprache.
          Regisseur Clément Cogitore schafft eine ganz eigene Bild- und Gestensprache. : Bild: Little Shao/Onp

          Das um 1700 aus dem Hofballett hervorgegangene opéra-ballet – ein genuin gallisches Genre – hat zuvörderst zum Ziel, die Zuschauer in eine Zauberwelt zu entführen. „Divertir“ (unterhalten) und „émerveiller“ (staunen machen) sind zentrale Losungen der Gattung. Genrekonform besteht Rameaus beliebtestes Bühnenwerk aus vier unverbundenen „entrées“, die ein Prolog thematisch zu verklammern sucht. Jeder der vier Akte zeigt eine Liebesgeschichte in einem „indischen“ – nach damaligem Sprachgebrauch: amerikanischen oder asiatischen – Volk. Auf Türken folgen so Inkas, Perser und nordamerikanische „Wilde“.

          Weitere Themen

          Gefangen im perfekten Teufelskreis

          Schlaflosigkeit : Gefangen im perfekten Teufelskreis

          Wenn die Tage formlos ineinanderfließen: Die Schriftstellerin Samantha Harvey berichtet in einem sprunghaften und erfrischenden Memoir über ihre Schlaflosigkeit.

          Topmeldungen

          Am Tatort des Messerangriffs in Oberkirchberg brennen Lichter, sind Blumen abgelegt.

          Tod einer 14-Jährigen : „Sie war immer fröhlich“

          In Illerkirchberg ersticht ein Mann ein 14-jähriges Mädchen. Die Trauer ist groß. Und es stellen sich Fragen: Haben die Behörden vor der Tat etwas übersehen? Und was war das Motiv?
          Gemeinsame Übung: Japanische und britische Soldaten im November in der Präfektur Gunma

          Militärische Verteidigung : Japan forciert eine Zeitenwende

          Mit Blick auf Nordkorea und China erhöht Japan den Wehretat drastisch. Tokio plant damit eine komplette Neuausrichtung der Verteidigung – und geht dabei anders vor als Deutschland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.