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Theaterstück „Leopoldstadt“ : Am Ende sitzen sie auf Kisten

  • -Aktualisiert am

Sohn des Regisseurs und der Sachliche in der Runde: Ludwig (links), gespielt von Ed Stoppard Bild: Wyndham’s Theatre, London

Tom Stoppards neues Stück „Leopoldstadt“ erzählt vom Schicksal einer jüdischen Familie aus Österreich. Über mehrere Generationen hinweg wechseln sich Assimilierung und Verfolgung stetig ab – am Ende bleibt ein mulmiges Gefühl.

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          Anders als sonst bei diesem Meister des komödiantischen Ernstes gibt es nicht allzu viel zu lachen in Tom Stoppards soeben im Londoner Wyndham’s Theatre uraufgeführten Stück „Leopoldstadt“. Das liegt nicht allein am Thema: das die großen Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts und vier Generationen umspannende Schicksal einer österreichisch-jüdischen Großfamilie. Ihr Werdegang steht emblematisch für das Hoffen, das Bangen und die Tragödie der wechselhaften Geschichte von Assimilierung und Verfolgung.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Den Anstoß für das Stück gab Stoppards eigene Biographie. Der aus dem mährischen Zlin stammende Dramatiker kam auf Umwegen im Alter von acht Jahren nach England. Aus Tomáš Straussler, Sohn eines jüdischen Betriebsarztes der Bata-Schuhfabrik, war bereits Tom Stoppard geworden, Stiefsohn eines britischen Offiziers, der sich die Devise des Imperialisten Cecil Rhodes zu eigen machte, dass wer als Brite geboren sei, den ersten Preis in der Lotterie des Lebens gewonnen habe.

          Die jüdische Herkunft war kein Thema. Wenn der junge Tom Stoppard seine Mutter fragte, ob die Familie jüdisch sei, pflegte sie auszuweichen. Der Sohn sah darin weniger ein Dementi als Irritation. Die Frage zu beantworten hätte bedeutet, das Gewicht zu akzeptieren, das nicht sie, die sich in keiner Weise als jüdisch definierte, sondern die Deutschen darauf legten, meinte er später. Stoppard hatte die vierzig längst überschritten, als er von einer Verwandten erfuhr, dass seine vier Großeltern sowie drei Schwestern seiner Mutter in den Konzentrationslagern ermordet wurden.

          Dramatische Klänge

          Auf dieser späten Entdeckung seines Jüdisch-Seins fußt nun das die Frage nach der jüdischen Identität erkundende Drama einer Familie, die den Aufstieg aus dem Schtetl ins Wiener Bürgertum geschafft hat. Der Weg in die Wohnung an der Ringstraße führte über die Leopoldstadt, die Anlaufstelle der Ostjuden im zweiten Bezirk der Hauptstadt des Habsburgerreiches. „Mein Großvater trug einen Kaftan, mein Vater ging mit einem Zylinder in die Oper, und ich lade die Sänger zum Diner ein“, prahlt der zum Katholizismus übergetretene Textikfabrikant Hermann Merz. In seiner großbürgerlichen Wohnung wird Weihnachten genauso gefeiert wie das Pessachfest. Beschneidungen und Taufen gehen miteinander einher. Die Familie lässt sich von Klimt porträtieren, besucht Mahler-Premieren, geht bei Freud in die Analyse und ist mit Schnitzler bekannt.

          Merz ist überzeugt, Katholik, österreichischer Bürger, Patriot, Philanthrop und Kunstmäzen zu sein. Der Patriarch hält sich für einen „Fackelführer der Assimilierung“ und lehnt Theodor Herzls Idee von einem jüdischen Heimatland als „Fantasie einer Utopie unter Ziegenhirten“ ab. Wenn sein zahlenverliebter Schwager Ludwig ihm klarzumachen versucht, dass ein Jude immer ein Jude bleibe, gleich welche Erfolge er genießt, dass Assimilierung bloß bedeute, „weiterhin Jude zu sein, ohne beleidigt zu werden“, will Hermann es nicht wahrhaben. Und doch verleiht ihm Stoppard die klischeehaften Züge des cleveren Geschäftemachers, der selbst in der größten Not Genugtuung darin findet, seine Peiniger überlistet zu haben.

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