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Zwei vergessene Theaterstücke : Was Glauben einmal bedeutet hat

Ein Grauen, wie es nur der Glaubenskrieg anrichten kann: Szene aus „Glaube und Heimat“ von Karl Schönherr in der Regie von Michael Thalheimer Bild: Matthias Horn

In Wien und Berlin kehren zwei vergessene Theaterstücke triumphal auf die Bühne zurück: Maria Lazars „Der Henker“ und Karl Schönherrs „Glaube und Heimat“.

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          Es bewegt sich etwas an den großen Theaterhäusern. Kanonkonventionen werden hinterfragt, literarische Wiederentdeckungen gemacht. An zwei aufeinander folgenden Abenden sind in den beiden Theaterhauptstädten Wien und Berlin vergessene Theaterautoren aufgeführt worden, wurden dramatische Texte für die Bühne zurückerobert. In Wien am Akademietheater ist ein Einakter der jüdisch-österreichischen Schriftstellerin Maria Lazar zu sehen, am Berliner Ensemble zeigt man eine Volkstragödie des Wiener Arztes und Dramatikers Karl Schönherr.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Zwei Autoren, die beide zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in Wien lebten, aber deren Schicksal unterschiedliche Wege nahm: Lazar, die Tochter aus gutbürgerlichem Haus, die sich am Mädchengymnasium mit Helene Weigel anfreundet und 1920 ihren ersten Roman unter dem Titel „Die Vergiftung“ veröffentlicht. Die kurz mit einem Sohn von Frank Wedekind liiert ist, sich dann als alleinerziehende Mutter und freie Übersetzerin durchschlägt, nebenbei Essays, Romane und Dramen veröffentlicht und 1933 nach Hitlers „Machtergreifung“ zusammen mit Bertolt Brecht bei Karin Michaëlis auf einer dänischen Insel Zuflucht findet. 1939 emigriert sie nach Schweden, erkrankt wenig später an einer unheilbaren Knochenkrankheit und nimmt sich 1948 das Leben.

          Der schreibende Mediziner Schönherr, 1867 in Tirol als Sohn eines Dorfschullehrers geboren, erzielt den Durchbruch als Dramatiker und Gegenspieler von Arthur Schnitzler schon 1900 mit seinem sozialkritischen Melodram „Die Bildschnitzer“. Er bleibt auch und gerade nach 1933 in Wien, tritt einer Unterabteilung der Preußischen Akademie der Künste bei und lässt sich von „Reichsdramaturg“ Rainer Schlösser ein gutes Zeugnis ausstellen. Sein Enthusiasmus für den sogenannten Anschluss an Deutschland hinderte ihn allerdings nicht daran, bis zu seinem Tod 1943 mit seiner jüdischen Ehefrau zusammenzuleben. „Glaube und Heimat“ heißt sein erfolgreichstes, 1910 uraufgeführtes Drama, in dem die gewalttätige Vertreibung der Protestanten durch die katholische Obrigkeit vorgeführt wird. „Der Henker“ nennt Lazar ihren 1921 uraufgeführten Einakter über die finalen Nachtgespräche eines zum Tode verurteilten Mörders.

          Der Mörder empfängt seinen Henker

          Letzteres ist ein aufwühlendes Dialogstück, das Pflichtbewusstsein gegen Freiheitsbehauptung in Szene setzt. Der Mörder wird hier zum Helden, der in seinen letzten Stunden nicht den Priester, sondern seinen Henker sehen will. Als „kleinen, kräftig untersetzten Mann von bürgerlichem Aussehen, mit Hut und Schnurrbart“, stellt ihn die Regieanweisung vor. Und in der Tat tritt Martin Reinke in der Wiener Inszenierung von Mateja Koležnik genauso auf, als Inbegriff des grauen Jedermanns, der nur seine Pflicht erfüllt, um nach getaner Arbeit mit seiner Frau unter dem Apfelbaum zu sitzen und nach der Kresse zu sehen. „Der Mörder“ empfängt ihn in seiner Zelle, befragt ihn zu seinem Alltag, wann er ins Gasthaus geht, ob Pantoffeln an seinem Bett stehen. Er will den Menschen hinter dem Amtsträger kennenlernen, den Mörder hinter dem Scharfrichter sehen. Ein bisschen spielt Itay Tiran den Mörder so wie Anthony Hopkins seinen Hannibal Lecter, mit gut erzogener, aber unberechenbarer Grausamkeit. Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt hat ihm dafür das beklemmend cleane Umfeld einer Gefängniszelle geschaffen. Statt des Petroleums flackern hier Neonröhren, und eine Toilette aus Edelstahl dient als einzige Sitzgelegenheit.

          Josef Winter heißt der Henker, und alles, was er besitzt, ist sein Pflichtgefühl. Der Mörder hingegen wird bei Lazar zum Nonkonformisten idealisiert, der mit seinem Widerwillen gegen die Pflichterfüllung zum antitotalitaristischen Freiheitskämpfer avanciert. Seine Ausfälle gegen die angepassten Lebensentwürfe klingen so sympathisch, dass man fast vergisst, aus welch mörderischem Mund sie kommen: „Ich finde nicht die Menschen böse, aber die Arbeit, die sie tun, verabscheue ich, die Arbeit, die nur dazu gut ist, Essen zu haben, ein Bett und vielleicht auch noch einen Garten mit Kresse.“

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