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Zwei vergessene Theaterstücke : Was Glauben einmal bedeutet hat

Der Mörder am Abend vor seiner Hinrichtung: Itay Tiran hält Sarah Viktoria Frick als Dirne im Arm

Zu was für einer Grausamkeit dieser Abscheu vor der gewöhnlichen Bürgerlichkeit führt, zeigt sich, als der Mörder eine ihm verfallene Dirne dazu bringt, den Sohn des Henkers zu ermorden, in der Hoffnung, dass Herr Winter ihn dann am Morgen nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus Hass köpft. Aber der gehorsame Staatsdiener befolgt noch im Angesicht des schlimmsten Verbrechens die ihm vorgegebenen Regeln, und der Verfluchte muss sich selbst ins Messer stürzen. Koležniks Inszenierung präsentiert den kurzen Theatertext mit einer Verzögerungstaktik, setzt immer wieder von neuem an und lässt das Bühnenbild wechseln. Zwingend notwendig scheinen ihre Einfälle nicht. Der Text von Maria Lazar – deren grundsätzliche Wiederentdeckung dem Wiener Verlag „Das vergessene Buch“ zu verdanken ist – wirkt eigenartig genug, denn er hat Pathos in sich. Und ein feuriges Bekenntnis.

Das verbindet ihn mit Schönherrs Stück „Glaube und Heimat“, das Michael Thalheimer (knapp zwanzig Jahre nach einer ersten Wiederentdeckung durch Martin Kušej) jetzt in einer phänomenalen Inszenierung am Berliner Ensemble zurück auf die Bühne bringt. Erzählt wird – inspiriert durch die Vertreibung der Zillertaler Protestanten 1837, aber vorverlegt in die Zeit der Gegenreformation in der Zeit um 1680 – die tragische Geschichte der Bauernfamilie Rott, die vom religiösen Schisma gespalten ist. Vater und Sohn sind lutherisch, Schwiegermutter und Frau sind katholisch. Ein kaiserlicher Reiter kommt in ihr Dorf und stellt die angeblich Irrgläubigen vor die Wahl: entweder Hof und Heimat aufgeben oder vom falschen Glauben abschwören. Erst verheimlicht der junge Rott seine Konfession, aber als der Reiter die Nachbarsfrau ersticht, weil sie ihre Luther-Bibel nicht hergeben will, drängt es ihn zum Bekenntnis. Zuvor hat er, den Andreas Döhler mit großartig nuancierter Anspannung spielt, den Glauben unterdrückt wie einen Harndrang, aber jetzt schießt es aus ihm heraus, auch wenn die Frau (ebenfalls überwältigend: Stefanie Reinsperger) ihn voller Verzweiflung schlägt und tritt: „Glaube ist Gottessach“, brüllt er und: „Du kannst mich brechen, aber nicht biegen.“

Thalheimer inszeniert die kammerspielartige Volkstragödie hochkonzentriert als bedrohliche Studie über die Grausamkeit des Glaubenskampfes. Ohne einen großen ästhetischen Überbau, so psychologisch feinfühlig wie selten, zeigt er, was es einmal bedeutet hat, sich zu seiner Konfession zu bekennen. Wohin die Vorstellung führt, dass spirituelles Recht von weltlichen Herrschern eindeutig zu bestimmen sei. Seine langjährige Kostümbildnerin Nehle Balkhausen verantwortet dieses Mal auch die drehende Bühne und lässt die Figuren am Fuß eines kolossalen, von Nebel umwölkten Spiegelturms auftreten. Immer wieder unterbrechen Blacks und Bässe ihr Spiel, dann stehen sie plötzlich wieder da, mit ihren zerschundenen Seelen, und warten auf ewige Gerechtigkeit. „Christoph, warum?“, fragt die Frau den jungen Rott, aber der ist zum Martyrium entschlossen: „Es müssen andere verrechnen“. Und Gott rechnet wahrhaftig ab mit ihm, stellt ihn auf die furchtbarste Probe: Als er vom Reiter getrieben die Familie verlassen muss, stürzt sich sein junger Sohn (herausragend: Laura Balzer) in den Tod.  Vom Schmerz überwältigt, will er dem Peiniger „das Herz herausreißen“, aber dann, in der ergreifenden Schlussszene, reicht er ihm doch die Hand. Schließt Frieden, vergibt seinem Schuldiger. Und seine gebrochene Frau sieht staunend zu ihm auf: „Christoph, du bist ja völlig über ein Menschen!“ Langsam zieht sich das Licht jetzt zurück und lässt diesen Höhepunkt des Humanen verklingen wie einen zu hohen Ton. So ein Theater möchte man sehen. Solche Stücke müsst ihr spielen.

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