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Lars von Triers „Melancholia“ : Was ist rund und wird niemandem fehlen, wenn es weg ist?

  • -Aktualisiert am

Fünf Schauspieler reichen dem Regisseur für die Erzählung. Hier zu sehen: Julia Riedler, Gro Swantje Kohlhof und hinten Eva Löbau. Bild: Armin Smailovic

Felix Rothenhäusler bringt Lars von Triers Weltuntergangsspiel „Melancholia“ auf die Bühne der Münchner Kammerspiele und pflanzt zwischen Angst auch Komik und Optimismus in die Köpfe der Zuschauer.

          „Die Erde ist schlecht“, erklärt Justine in Lars von Triers filmischer Endzeit-Elegie „Melancholia“. Und dann sagt diese junge, schöne, erfolgreiche Frau mit dem vom Lebensüberdruss unterkühlten Herzen den einen erstaunlichen Satz, der den Film auch ohne seine starken Bilder unvergessen gemacht hätte: „Niemand wird sie vermissen.“ Was für ein Paradox.

          Acht Jahre später lassen Regisseur Felix Rothenhäusler und sein Dramaturg Tarun Kade an den Münchner Kammerspielen den Untergang der Erde im Präsens nacherzählen – von denjenigen, die ihn erlebt und damit eigentlich nicht überlebt haben. Insofern kann das Münchner Ende nicht das Ende sein. Noch nicht. Nur eine Warnung, die ohne Zeigefinger auskommt und ohne Special Effects.

          Das Resultat ist eine halbfertige, ungeschmirgelte Theatererfahrung, die in dieser Absicht dennoch rund ist wie die beiden Planeten, um die sie sich dreht: Dort Melancholia, unaufhaltsam auf uns zurasend, die einzige Hoffnung liegt in der Ungenauigkeit der wissenschaftlichen Berechnung. Und hier die Erde, deren Wert unschätzbar ist, weil die Menschheit – das wüsste sie, dächte sie kurz darüber nach – ohne sie undenkbar ist.

          Ein Gefühl wie ein Planet

          Mutig ist dieses Erzähltheater allein auf den Zuschauer ausgerichtet. Das niedrige schwarze Plateau, das die Bühne ausfüllt, signalisiert die Versuchsanordnung. Zudem lenken am Bühnenfirmament zwölf Scheinwerfer die Aufmerksamkeit in alle Richtungen, nicht selten auch ins Publikum. Was dann neben dem Licht den Raum füllt, dominant bis penetrant, sind nicht die sechs Menschen, die sich darin wie ausgestellt und stets nach vorn gewandt bewegen, sondern die abstrakte elektronische Musik, die einer von ihnen, Christian Naujoks, mit seinem Synthesizer-Modul steuert.

          In Felix Rothenhäusers Inszenierung von „Melancholia“ von Lars Von Trier kommt das Ende der Welt ohne Special Effects aus – braucht aber offenbar 90 Minuten penetranter Elektromusik als Kulisse für Justine und ihren Bräutigam Michael.

          Lang gehaltene Frequenzen, enervierend wiederkehrende Sequenzen, Bässe, die in den Knochen vibrieren: Genauso wenig wie es ein Entkommen vor Melancholia gibt – weder vor dem übermächtig nahenden Planeten noch vor dem übermächtigen Gefühl, in dem Justine während ihrer Hochzeitsfeier am vermeintlich glücklichsten Tag ihres Lebens gefangen ist –, gibt es in den ersten anderthalb der zwei Stunden Spielzeit einen Rückzugsort für das Publikum vor den an- und abschwellenden, bedrohlich pulsierenden Tönen. Erst als im Film die Perspektive wechselt und die Geschichte von Justines Schwester Claire weitererzählt wird, schweigt auch die Münchner Elektronik. Man kann sich streiten über die Zumutbarkeit des Vorangegangenen, allein, die Nachwirkung ist unbestreitbar. Denn ausgerechnet wenn im Fortgang der Handlung die Eskalation ihrem Höhepunkt entgegenstrebt, verspürt der Zuschauer Erleichterung.

          Auch das Spiel wird zunehmend statisch im zweiten Teil. Nebeneinander aufgereiht sitzen zuletzt die fünf Schauspieler und der Musiker vorn auf dem Plateau, einander an den Händen haltend. So führt Rothenhäusler vor, warum Lars von Trier „Melancholia“ als seinen optimistischsten Film bezeichnete: In ihm finden seine Protagonisten zusammen – und sei es nur für ihren letzten Atemzug, in ihrer Angst vor dem Ende. Die Unterschiedlichkeit dieser Angst ist es denn auch, die den Abend trägt, manchmal bis ins Komische.

          Der Saubermann wird der Feigste sein

          Fünf Schauspieler reichen dem Regisseur für die Erzählung. Julia Riedler, deren Justine in all ihren Verzagtheiten und fixen Ideen doch eigentlich am ungreifbarsten schien, sendet von Anfang an mit jedem koketten, ironischen, gerührten oder trotzigen Blick zwischen den rapunzellangen blonden Locken unwiderstehlich lässig Funken über die Rampe. Schnell weicht die stolz geschwellte Brust ihres Bräutigams Michael, gespielt von Thomas Hauser, der Kapitulation vor dieser überirdisch starken schwachen Frau.

          Mit hyperaktiver Fröhlichkeit versucht ihre Schwester Claire Justines Schwermut und ihre eigene Furcht zu überspielen. Was wohl differenzierter gewirkt hätte, müsste Eva Löbau nicht permanent gegen ihr Pomeranzen-Outfit anspielen – ein hellblau aufgeplustertes Faltenkleid zum blonden Vokuhila-Schopf. Majd Feddah gibt Claires reichen Gatten John als Saubermann des Weltuntergangs, der jedoch in seinem Selbstmord von allen der Feigste sein wird. Jeden seiner Auftritte beginnt er mit breitem Lächeln und messianisch ausgebreiteten Armen. Ihren kleinen Sohn Leo spielt Gro Swantje Kohlhof als Emo-Kind, in seiner Phantasiewelt vollkommen gefangen und so auch vor der Angst gefeit.

          Sie alle sitzen schließlich am Rand des Münchner Desillusionstheaters – und folgen der Mission, die Rothenhäuslers Inszenierung des Noch-Nicht als gleichsam private Coda eingeplant hat: Sie suchen ihre Bühne in jedem einzelnen Zuschauerkopf.

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