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„Dogville“ im Schauspiel Frankfurt : Alle, die hier spielen, sind bereits tot

Claude De Demo und Torben Kessler in „Dogville“ in Frankfurt. Bild: Birgit Hupfeld

Die Verfremdungsschraube dreht sich weiter: Karin Henkel inszeniert am Schauspiel Frankfurt „Dogville“ von Lars von Trier.

          3 Min.

          Warum war Lars von Triers Film „Dogville“ 2003 eigentlich diese Sensation, von der bis heute auch Leute gehört haben, die nie ins Kino gehen? War es Nicole Kidman, die im ersten Teil als Grace so wunderschön und herzensgut war, im zweiten Teil geschunden und als Dauerleidende ein Mühlrad an einem metallenen Halsring mit Klingel hinter sich herschleppte, bis sie sich mit einem finalen Blutbad an allen Einwohnern Dogvilles rächte, den Männern, die sie vergewaltigt hatten, den Frauen, die sie quälten, den Kindern, die kein Erbarmen kannten?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          War es der gnadenlose Blick auf die Welt, die in diesem Fall mit Amerika identisch war, in der das Böse regierte und von keinem Guten in Zaum gehalten werden konnte? Oder war es die künstlerische Arroganz, mit der von Trier seine Geschichte wie auf einem Spielbrett angeordnet und ohne jede Referenz ans realistische Erzählen auf die Leinwand gebracht hatte, als müsste er sein Publikum daran erinnern, im Kino wohne es nicht der Wirklichkeit bei?

          Theaterhaft nur auf den ersten Blick

          Jedenfalls riefen damals die einen „Skandal“, die anderen winkten ab, und zwischendrin drängelten sich die meisten, die in dem Film ein gelungenes radikales Experiment sahen, böse, ausweglos wie die Welt und von tiefer Wahrheit durchdrungen – dass Menschen, wenn sie spüren, Macht zu haben, Macht auch ausüben.

          Weil von Trier die Geschichte von der unschuldigen Naiven, die auf der Flucht vor Verbrechern in der kleinen Berg- und Minenstadt Dogville Unterschlupf und Zuflucht sucht, in einer Halle gedreht und Häuser, Gärten und Straßen nur in Kreideumrissen auf den Boden gemalt hatte, sah es erstmal so aus, als sei das Ganze eine recht theaterhafte Angelegenheit – ein Eindruck, der sich beim zweiten Sehen verflüchtigte angesichts der präzise eingesetzten filmischen Mittel von Großaufnahme, Kamerabewegung, den vielen Aufsichten, dem Off-Kommentar, dem Einsatz von Barockmusik, den Experimenten mit der Kadrierung. Der Lehrstückcharakter aber, unterstützt von erklärenden Zwischentiteln, blieb.

          Beginn mit Rückblende

          In den letzten Jahren ist aus „Dogville“, dem Film, hier und dort (Stuttgart, München, Hamburg) ein Theaterstück geworden. So jetzt auch in Frankfurt. Die Regisseurin Karin Henkel wendet erst einmal ein Mittel an, das wir als „filmisch“ kennen, die Rückblende nämlich. Sie beginnt mit dem Ende. Dem Blutbad. Grace (Claude De Demo, faszinierend stoisch) steht in glitzersteinbesetztem schwarzem Tüllkleid (Kostüme: Klaus Bruns) vor der geschlossenen Bühne. Ihr gegenüber, am Ende eines in den Zuschauerraum gebauten Stegs, sitzen mit schwarzen Hüten auf dem Kopf die schwarzgekleideten Musiker, die das Geschehen begleiten werden, und als das Licht ausgeht, beginnt der Schlussdialog zwischen Grace und ihrem Vater (der hier nur eine Stimme ist), der darin mündet, dass alle Einwohner Dogvilles niedergemäht werden.

          Das Blut spritzt, der Rest des Abends findet vor besudelten Wänden statt. Noch eine Verfremdung mehr. Auf der Bühne, die sich dann öffnet, sehen wir Kulissen, die auf sich selbst verweisen, einen kahlen Baum, in dem eine rote Leuchtschrift mal „kleine Äpfel“ oder „große Äpfel“, „grüne Blätter“ oder „kahle Äste“ verkündet, oder auch: „They saw no reason to change anything“: der kleine Horrorladen amerikanischer Kleinstädte.

          Alles sehr anschaulich

          Tom, die zweite Hauptfigur neben Grace, ist Schriftsteller und Taschenformatphilosoph, er spielt sich als Strippenzieher und Grace-Versteher und -Verteidiger auf und wird sie am Ende verraten. In Frankfurt ist er auch der Erzähler. Torben Kessler spielt ihn, er wendet sich zwischendurch ans Publikum, macht Zeichen für Gut (Kreuz) und Böse (Teufelsohren). Und er meint am Schluss, ein alternatives Ende müsse her. Wer will schon sterben, obwohl doch alle bereits tot sind? Das ist ein Witz, eine weitere Umdrehung der Anti-Illusionsschraube, ein weiteres Spiel im Spiel. Aber wohin führt es?

          Was im Film ein paar Kreidestriche sind, ist auf der Bühne ein rundes Haus mit zwei Etagen (Bühne: Jens Kilian), in der oberen gibt es eine Badewanne mit einem Vorhang davor, hinter dem die Vergewaltigungen stattfinden, und das Haus dreht sich, so dass wir manchmal durchs Fenster aufs Geschehen schauen, manchmal auf die Außenwand, dann wieder in den Innenraum – angesichts der spröden Vorlage ein immens wandlungsfähiges Bühnenbild, mit einer Treppe, die Grace gern rückwärts hinunterläuft, um ihr eigenes Unglück nicht zu sehen, und einem Erdhügel, der Garten sein kann und Grab und der Kreuzigungshügel Golgatha.

          Alles sehr anschaulich, alles sehr unterhaltsam, einschließlich des gnadenlosen Geschwätzes, das Tom von sich gibt und auch Grace: „Man muss die Menschen erziehen“, sagt Tom. „Wie soll ich ihn für etwas hassen, wenn es nur Schwäche ist“, fragt Grace angesichts ihrer Peinger. „Wenn alle wissen, was hier passiert ist, befinden wir uns auf dem Weg zu Besserung“, meint wiederum Tom. Doch dann erfindet er sein „alternative Ende“ – und was radikal begann, in der Vorlage und in Frankfurt, wird plötzlich zahnlos.

          Denn die Bürger Dogvilles überleben. Und Grace kommt in die Kiste. Sie hämmert gegen den Deckel und ruft: „Vater!“ Doch der Vater hat sie verlassen. Das ist, angesichts der überdeutlichen christlichen Referenz, ein versöhnliche Schluss. Gnade wird in die Welt kommen, nicht Rache. Eine ist ausgestiegen aus dem Kreislauf der Macht. Die Hoffnung überlebt. Von Trier würde sich wundern. Aber vorher hatten wir das die überzeugende Vorstellung eines Experiments in Grausamkeit gesehen.

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