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Lage der Orchester : In der Pandemie sind neue Konzertformate entstanden

  • -Aktualisiert am

Beat Fehlmann, Intendant der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, hat sich der Krise besonders kreativ gestellt. Bild: dpa

Der Stellenplan der deutschen Orchester bleibt stabil, doch beim Nachwuchs brechen die Absolventenzahlen ein. Desgleichen steht das Abonnentensystem vor dem Umbruch. Die Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz geht gestärkt aus der Krise hervor.

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          Nimmt man die Zahlen, die die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) eben veröffentlichte, so haben unsere Orchester unter der Corona-Pandemie zunächst kaum gelitten. Wie bei der Erhebung zwei Jahre zuvor gibt es in Deutschland 129 Berufsorchester, kein Klangkörper wurde seitdem fusioniert oder geschlossen. Bei 9749 Planstellen sind insgesamt siebzehn Stellen weggefallen, was mit dem langfristigen Stellenabbau beim SWR-Symphonieorchester zu tun hat, zu dem die Radioorchester von Stuttgart und Baden-Baden/Freiburg zusammengelegt wurden. Bei den staatlichen und kommunalen Orchestern wie bei den Kammerorchestern verzeichnet die DOV sogar ein leichtes Plus bei den Planstellen.

          „Die Lage der Berufsorchester hat sich konsolidiert“, stellt Gerald Mertens, Geschäftsführer der DOV, bei der Pressekonferenz in Berlin fest, wozu in der Pandemie auch der Wechsel der Beschäftigten in die Kurzarbeit beigetragen habe, der von achtzig Prozent der Orchester genutzt wurde: „Das war für die Orchester sehr hilfreich.“

          Auch habe die Pandemie Kreativität freigesetzt bei der Entwicklung neuer Konzertformate. So würden „1:1“-Konzerte, bei denen ein Musiker für nur einen Zuhörer ein zehnminütiges Konzert gibt, vielerorts aufgegriffen, zudem könnten kürzere Konzerte mit einer Dauer von höchstens neunzig Minuten ohne Pause auch in Zukunft attraktiv sein. Dass vielerlei Bearbeitungen für kleinere Ensembles entstanden oder ausgegraben wurden, zählt Mertens ebenfalls zu den erfreulichen ästhetischen Auswirkungen der Corona-Krise. Zufrieden ist er auch mit der Entwicklung in den ostdeutschen Ländern, wo zunehmend Orchester aus nachteiligen Hausverträgen in die besseren Flächentarife übernommen würden oder die Politik zumindest dementsprechende Absichtsbekundungen ausgesprochen hat.

          Betrieb in Akademien stockt

          Gleichwohl stehen die Orchester vor einer Vielzahl von Unwägbarkeiten. Die Zahl der Abschlussprüfungen an deutschen Musikhochschulen ist im vergangenen Jahr deutlich zurückgegangen und befand sich mit 1750 Prüfungen (davor 2250) etwa auf dem Stand, den sie vor zwanzig Jahren erreicht hatte. Über die genauen Gründe für die niedrige Zahl gebe es noch keine Informationen, sagte Mertens, denkbar sei etwa, dass mehr Studenten wegen der Corona-Krise ein Urlaubssemester beantragt hätten. Gemeinsam mit dem stockenden Betrieb in den Orchesterakademien während der vergangenen zwei Jahre und der zwischenzeitlich stark geschrumpften Möglichkeiten, Praktikanten Erfahrungen in der Praxis zu ermöglichen, ergibt sich für die DOV eine gewisse Vagheit, was den Nachwuchs für die Orchester angeht.

          Der Rückgang der Prüfungszahlen erfolgt allerdings vor dem Hintergrund einer seit zwanzig Jahren kontinuierlich steigenden Zahl an Abschlüssen an Musikhochschulen. Das brachte den Hochschulen schon den Vorwurf ein, Musiker für einen Markt auszubilden, den es gar nicht gebe. In diesem Licht lässt sich der nun verzeichnete Rückgang der Prüfungszahlen auch als sinnvolles Regulativ verstehen.

          Die größte Ungewissheit besteht allerdings darüber, wie sich die Abonnentenzahlen nach überstandener Corona-Pandemie entwickeln werden. Wer wird sich wieder für ein Konzert- oder Opernabonnement entscheiden, nachdem viele Orchester und Opernhäuser den Verkauf von Abonnements ausgesetzt haben? Zu unsicher die Aussicht, welche Konzerte stattfinden werden und welche nicht; zu aufwendig die Prozedur einer Rückerstattung bei ausgefallenen Abenden. Gerade das ältere Publikum, das den Hauptstamm der Abonnenten ausmache, sei derzeit aber noch zurückhaltend, was den Besuch von Oper und Konzert angehe, berichtet Mertens.

          Wie man erfolgreich Abonnenten gewinnt, dazu verweist Mertens auf die Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz in Ludwigshafen, die mit ihrem Intendanten Beat Fehlmann für die laufende Saison einundfünfzig Prozent mehr Abonnenten gewinnen konnte. Eine gewitzte Werbeaktion half dabei und der persönliche Einsatz der Musiker, die teils auf Wochenmärkten für ihr Ensemble warben. Möglich ist, wie man hier sehen kann, also noch immer viel, wenn das Orchester sich auf die Bürger zubewegt.

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