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Black Jazz Records : Staunen und posaunen

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Einer der Protagonisten von Black Jazz Records: Henry Franklin (links) und seine Band im Sommer 1973 Bild: Archiv Henry Franklin

Ein schwarzes Label feiert goldene Hochzeit: Black Jazz Records, einst eine wichtige Firma für junge Musiker, kennt kaum noch jemand. Ein Konzert in Berlin belebt jetzt eine große Tradition.

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          Es ist 1969. Der junge Posaunist Steve Galloway erreicht nach längerer Abwesenheit Chicago und trifft sich mit zwei Bekannten, um die Gründung einer neuen Band zu besprechen. Gerade kommt er von einer zweijährigen Tour als Bandmusiker des legendären Count Basie. Mit einer eigenen Chartermaschine waren er und die Band durch ganz Amerika geflogen, um sechs Tage die Woche als Vorgruppe von Tom Jones aufzutreten. Galloway hat die Nase voll vom Berufsmusikertum. Den alten Haudegen kann er nichts abgewinnen, mit ihren feinen Anzügen, Taschenrevolvern und immergleichen Tonfolgen fehlt ihnen die Dringlichkeit. Aber hier, in Chicago, ist etwas los. Allwochenendlich marschiert die Bürgerrechtsbewegung. Man diskutiert, musiziert, protestiert, die ganze Stadt scheint auf den Beinen zu sein. Allerlei neue Gedanken sind im Umlauf, auch in der Musik.

          Jeden Montag spielen Galloway und seine Freunde Richard „Ari“ Brown und Ken Chaney fortan in einer Jazzbar und machen von sich reden. Keiner von ihnen ist zu diesem Zeitpunkt wirklich unbekannt, Chaney hat sogar schon einen Millionenhit unter dem Gürtel, doch hier sind sie auf der Suche nach etwas Neuem. Chaney wittert Großes und verspricht seinen Mitstreitern eine erfolgreiche Zukunft. Die tritt dann auch wirklich ein, als ein besonders flamboyanter Typ namens Gene Russell in Chicago aufkreuzt, das Trio mit drei weiteren Musikern spickt und kurzerhand in eine Band verwandelt: The Awakening.

          Ein rasanter Aufstieg - und Fall

          Russell ist Musiker mit Geschäftssinn. Er hat viel Geld aufgetrieben, um ein Label zu gründen: Black Jazz Records. Ein Independent-Label, von Schwarzen für Schwarze, das zweite in der Musikgeschichte, und das ausgerechnet am Anbruch der revolutionären Siebziger. Anstatt im abgebrühten New York auf Talentsuche zu gehen, fliegt Russell lieber nach Los Angeles und in die Industriestädte Chicago und Detroit. Hier stellt er blutjunge, politisierte Bands auf die Beine, die sich schon im Dunstkreis von Miles Davis, Pharoah Sanders, Sun Ra oder Ray Charles erste Sporen verdient haben. Auf den inzwischen unbezahlbaren Originalplatten vermischen sich Soul, Funk, Rare Groove, Free- und Spiritual Jazz.

          Auch Jean und Doug Carn sind eine Band, ein junges Ehepaar, das kalifornischen, spirituellen Jazz für ein anderes Bewusstsein spielt. Jean am Mikrofon mit zwischen Engel, Priesterin und Medusa variierender Fünfoktavenstimme, Doug am Moog-Synthesizer, an der Orgel, am Piano. Drum herum Flöte und Altsaxophon, Schlagzeug, Trompeten. Eine Kombination, die zeitweise mehr Platten verkauft als Dave Brubeck, schenkt man der Presse von damals glauben.

          Gene Russell behauptet also nicht nur, sondern liefert. Auch The Awakening schafft den Durchbruch, die Konzerte werden größer, die Platten laufen im Radio, Russell schaltet sogar Fernsehwerbung, setzt auf originelle Covergestaltung und Wiedererkennungswert. Insgesamt werden es zwanzig Veröffentlichungen, die meisten davon zwischen 1970 und 1973.

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