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Junges Theater in Madrid : Müssen Künstler Verantwortung übernehmen?

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Die enge Zusammenarbeit mit einer Bühnenbildnerin ist in Spanien keineswegs selbstverständlich: La Joven Compañia auf der Bühne Bild: David Ruano

Die mehr als fünfzig professionellen Theaterschaffenden der „Jungen Kompanie“, alle unter dreißig Jahre alt, sagen: Ja. Und eröffnen der Weiblichkeit ungekannte Räume.

          Lope de Vega und Pedro Calderón de la Barca. Das sind die Namen, an denen nicht vorbeikommt, wer Madrid besucht. Doch in den Straßen und Museen sind die beiden Dramatiker des siebzehnten Jahrhunderts weitaus präsenter als in den Theaterhäusern der Hauptstadt, von denen es an jeder Ecke eines gibt. Nach Cervantes’ Nationalheld Don Quijote sind sie zwar verantwortlich für fast alles, was die spanische Theaterliteratur bis heute ausmacht. Ihre Klassiker wie „Fuenteovejuna“ oder „Das Leben ist ein Traum“ werden jedoch nicht mehr allzu oft gezeigt.

          Zumindest Federico García Lorca, dessen bekannteste Tragödie „Bernarda Albas Haus“ 1945, erst neun Jahre nach Fertigstellung, in Buenos Aires uraufgeführt werden konnte, taucht bis heute vermehrt auf den Spielplänen auf. Mindestens ebenso prägend für die gegenwärtige Ästhetik und Dramaturgie des spanischen Theaters ist jedoch die amerikanische Texttheatertradition. Auch deshalb werden Autoren wie Tennessee Williams und Arthur Miller in Madrid nach wie vor gerne inszeniert.

          Thomas Ostermeier als Vorbild

          José Luis Arellano García ist sich bewusst, wer und was seine Arbeiten beeinflusst. Der Regisseur, aufgewachsen und ausgebildet in Madrid, hat in Washington D.C. schon Stücke von Lope de Vega und Lorca gezeigt, konzentriert sich derzeit aber vor allem auf zeitgenössische Stoffe. Wenn er nach Vorbildern gefragt wird, nennt er Simon Stephens und Thomas Ostermeier ebenso wie die über die Landesgrenzen hinaus weniger bekannten Lluís Pasqual und José Luis Gómez. Um auszuloten, ob es das eigene, das spanische im europäischen Theater überhaupt noch gibt, hat Arellano García im November 2018 mit „Barro“ (Schlamm) den Aufschlag zu einer Tetralogie gemacht, die die jüngere Geschichte und Gegenwart der Idee Europa nachzeichnet und auf die Aktualität ihrer Werte hin befragt.

          Fünf Rotorblätter blasen Wind ins Publikum. Nicht nur das: Sind sie in Betrieb, verursachen sie auch einen hohen Grundton, der sich störend unter die Szenerie legt. Wir befinden uns im Schützengraben, im Schlamm. An Heiligabend 1914 begegnen sich der deutsche Soldat Helmut und sein französischer Kontrahent Marcel von Angesicht zu Angesicht. Statt auf Deutsch und Französisch wünschen sie sich auf Spanisch frohe Weihnachten: „Feliz Navidad!“

          Hier, abseits des Tourismus, bekommt das Lippenbekenntnis vom Feminismus ästhetische Substanz.

          Diese historische Begebenheit, überliefert vor allem von der britisch-deutschen Front, eignen sich die Dramaturgen Guillem Clua und Nando López für „Barro“ an. Recherchiert und geschrieben haben sie das Drama für eine junge Theaterkompanie, die sich genau so nennt, „La Joven Compañía“. Unter diesem Namen vereinigt der künstlerische Leiter Arellano García mehr als fünfzig professionelle Theaterschaffende unter dreißig Jahren, um ihnen den Berufseinstieg in alle Gewerke zu erleichtern: „Wir leben in Zeiten, in denen Künstler Verantwortung übernehmen müssen“, sagt Arellano García mit einer Reibeisenstimme.

          2012 gegründet, wurde die junge Kompanie schnell zu einer vielfach geförderten und ausgezeichneten Gruppe. Anders als die freie Szene in Deutschland ist ihre Arbeitsweise jedoch nicht von kollektiven Strukturen geprägt. Hierarchien und klar voneinander getrennte Aufgabenbereiche erinnern eher an ein mittelgroßes Stadttheater, das sich von Madrid aus Spielstätten im ganzen Land erschließt.

          Arellano García war einer der Ersten, die Europa Ende der achtziger Jahre anhand des Erasmus-Programms entdecken konnten: „Ich bin aus der letzten Generation, die ein durchweg positives Bild von Europa hat“, meint der Regisseur und Schauspiellehrer im Hinblick auf sein politisch ambitioniertes Theaterverständnis, „deshalb ist mir die Auseinandersetzung wichtig, was von der Idee Europa heute noch bleibt.“ Für „Barro“, ästhetisch alles andere als eine Schlammschlacht, haben Clua und López sehr leb- und glaubhafte jugendliche Figuren geschaffen. Marcel, Helmut, ihre Kameraden, Schwestern und Geliebten prügeln, vögeln, streiten sich neunzig dichte Minuten lang. Trotz aller Widersprüchlichkeiten der Figuren sind sie nie völlig ohne Hoffnung.

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