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Legrenzi-Oper in Straßburg : Darf ich dir meinen Goldfisch schenken?

  • -Aktualisiert am

Jupiter (Carlo Allemano, im blauen Anzug rechts) weiß keinen anderen Rat mehr: Venus (Sophie Junker, liegend, Mitte) muss aus dem Haus. Bild: Klara Beck

In Straßburg bringt Christophe Rousset die Oper „La divisione del mondo“ von Giovanni Legrenzi nach fast 350 Jahren zum ersten Mal in Frankreich – dazu noch glanzvoll – zur Aufführung.

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          Zu siegen sei im Kriege, Otto von Bismarck wusste es genau, schwieriger, als zu verlieren, weil man dann Verantwortung für die Gestaltung des Friedens zu tragen habe. Und genau damit, nämlich mit der Einteilung der Welt in Herrschaftsbereiche, sind die olympischen Götter in Giovanni Legrenzis heiter-mythologischer Oper „La divisione del mondo“ – uraufgeführt am 4. Februar 1675 im venezianischen Teatro San Salvatore – heillos überfordert. Das Geschlecht der Titanen mögen sie besiegt haben, aber ihr eigenes Geschlecht, vor allem das Geschlechtsleben, erweist sich nun als herrschaftsresistent. Neptun und Pluto stellen gleichermaßen der schönen Venus nach, die aber von ihnen nichts wissen will und nach dem stattlichen Mars als erotischem Hauptgang viel eher Appetit auf den jungen Apoll als süße Nachspeise verspürt.

          Die niederländische Regisseurin Jetske Mijnssen findet für den sexuellen Übergriff der Frau auf den Mann eine physiologisch glaubwürdige Lösung. Nachdem die Sopranistin Sophie Junker als sicht- wie hörbar offensive Venus den Countertenor Jake Arditti, der den triebgebremsten Geschlechtsverkehrspolizisten Apollo mit präzisem Understatement als Klemmschwester gibt, kopfabwärts über die Sofalehne gekippt hat, muss dieser sich mit den Händen am Boden abstützen, um nicht weiter zu fallen. Er ist motorisch entmachtet. Da kann sie ihm das Hemd aufknöpfen. Mag er selbst auch nicht das Glück erstreben, „das zwischen zwei Brüsten liegt“ (so heißt es im Libretto von Giulio Cesare Corradi), so ist seine Brust für Venus doch verlockend genug.

          Denn ihre Maxime lautet: „Ich will mehr als nur einen Liebhaber.“ Damit ist sie eine von vielen Frauengestalten der Barockoper, die sich – ohne dämonisiert zu werden – damals selbstbewusst als Sexsubjekt exponieren konnten. Dank der Kostümbildnerin Julia Katharina Berndt hat sie Hosen an. Und dass die Inszenierung in einer großbürgerlichen Villa von heute spielt (entworfen von Herbert Murauer), darf man nicht als Aktualisierung werten, sondern nur als Kennzeichnung eines historischen Gleichstands, der in Fragen einer öffentlichen Verhandlung von Geschlechterverhältnissen offenbar schon einmal erreicht war.

          Nachdem Thomas Hengelbrock „La divisione del mondo“ im Jahr 2000 bei den Schwetzinger Schlossfestspielen dem Vergessen wieder entrissen hatte und das Stück vor kurzem auch an der Oper Kiel zu sehen gewesen war, hat es der Cembalist und Dirigent Christophe Rousset nun an der Opéra national du Rhin in Straßburg zur französischen Erstaufführung gebracht. Sein Orchester – Les Talens Lyriques – ist im Continuo reich bestückt mit drei Basslauten, Gitarre, Harfe, allerlei Gamben und Celli. Etwas dünn wirkt das Diskantregister mit Flöten und Zinken. Rousset liegt, das spürt man rasch, vor allem am Ausbau der Mittelstimmen. Sie schimmern nun seidig in einer Unzahl von Nuancen, geben dem Klang eher französische Finesse als italienische Schärfe, sind eher lyrische Herzenserkundungen als dramatische Handlungstreiber. Und tatsächlich ist an dem Drama – anders als in der erotischen Staatsstreichfarce „Die Krönung der Poppea“ von Claudio Monteverdi – hier alles eher harmlos, während doch die raschen Zustandswechsel der Seelen eine Menge erzählen über die Unverlässlichkeit von Herzensneigungen. Aufrichtig mögen die besungenen Gefühle wohl sein, aber nur im jeweiligen Moment. Denn von Dauer sind sie nicht. Insofern ist Roussets Plädoyer für den orchestralen Lyrismus eine kluge Stärkung des Stücks. So tückisch der Zauber des Moments auch sein mag: Hinreißend muss er sein!

          Eva Kleinitz, die als Intendantin in Straßburg gerade in der Mitte ihrer zweiten Spielzeit steht, holt mit dieser Premiere und einem solch gefragten Experten wie Rousset Glanz nach Straßburg. Intendanten, Regisseure, Kritiker aus Paris und Graz, Salzburg und Berlin sind zu Gast in einem Haus, das kaum größer ist als das Meininger Theater. Schon Kleinitz’ Vorgänger Marc Clémeur hatte es verstanden, mit einem mutigen Spielplan überregionale Aufmerksamkeit zu erregen, mit seinem Widerstand gegen Regisseursnarzissmus allerdings auch das Publikum ans Haus zu binden. Kleinitz setzt diesen Weg erfolgreich, noch dazu glamourös, fort.

          Mag Mijnssens Inszenierung auch, wie das Drama selbst, arg harmlos sein, so ist sie mit ihren Einfällen – Neptun will Venus einen Goldfisch im Glas schenken – doch drollig. Junker und Arditti führen als Venus und Apoll das Sängerensemble mit Charme, Witz und vokaler Geläufigkeit an. Carlo Allemano als Jupiter überrascht mit einer lyrischen mezza voce; Julie Boulianne als Juno schenkt der furiosen Megäre auch Momente der Wärme und Güte. Stuart Jackson als Neptun und André Morsch als Pluto sind ein rührend moppeliges, aber behende singendes Brüderpaar. Soraya Mafi zieht als Diana mit einem zart spätkindlichen Timbre schnell Aufmerksamkeit auf sich. Bis zum 16. Februar ist die Oper noch in Straßburg zu sehen, Anfang März dann in Mülhausen und Colmar.

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