https://www.faz.net/-gqz-9gcil

„La Bayadère“ am Staatsballett : Eine Hand ums Gesicht bedeutet Glück

  • -Aktualisiert am

Wie ein kalter Eishauch des Todes: Polina Semionova als Titelheldin Nikia und Alejandro Virelles Krieger Solor. Bild: Yan Revazov

Alexei Ratmansky rekonstruiert Marius Petipas „La Bayadère“ am Staatsballett Berlin. Die Erzählung hat ein tanzhistorisches Fundament und wirkt logisch, makellos und anrührend.

          4 Min.

          Das Ballett „La Bayadère“, mit dem der französische Ballettmeister Marius Petipa 1877 in St. Petersburg so erfolgreich Premiere feierte, zeigte in üppig ausgestatteten vier Akten und sieben Bildern über drei Stunden hinweg ein phantastisches Indien: einen geweihten Wald mit prächtigem Tempel, einen luxuriösen Palast, einen heiligen Ort in den Bergen. Als jetzt der Weltstar der Rekonstruktion, der in New York lebende Russe Alexei Ratmansky, beim Staatsballett Berlin die vollständige, nach den Originalnotationen wiederhergestellte Choreographie in Jérôme Kaplans hinreißender, kostbarer neuer Ausstattung präsentierte, war ganz unklar, wie das Publikum diese ungewöhnliche Arbeit aufnehmen würde. Bedenken, wie postkolonial-feministisch inkorrekt die Geschichte um die schöne, an einem Schlangenbiss zugrunde gehende Tempeltänzerin Nikia wohl empfunden werden könnte, räumte die Lektüre des lehrreichen Programmhefts aus, noch bevor der Dirigent den Taktstock hob.

          In einem ausgezeichneten Text betont hier die indische Expertin für Bharatanatyam und Odissi, Rajika Puri, sie finde die Welt der Tempeltänzerinnen des neunzehnten Jahrhunderts in dem von Petipa und Sergej Chudekow verfassten Libretto von „La Bayadère“ angemessen gespiegelt. Ihre Überraschung darüber, welche ausführlichen pantomimischen Anteile Petipas Ballette aufweisen, dürfte das Premierenpublikum in Berlin geteilt haben. Besonders wer schon einmal eine andere Version der „Bayadère“ gesehen hat, musste erstaunt sein angesichts der langen gemimten Passagen des Balletts. Wer sich aber auf diese schöne alte Form der Gebärdensprache einlässt, dem erschließen sich schnell ihre poetischen Gesten und dramatischen Ausbrüche. Eine ums eigene Gesicht herumgeführte Hand bedeutet etwa, dass die Rede ist von einer Frau, deren atemberaubender Anblick Glücksgefühle auslöst. Die hoch über dem Kopf umeinander kreisenden Hände stellen eine Aufforderung zum Tanz dar, zum Herzen gelegte Hände, deren obere bekräftigend zur Faust geschlossen ist, beschwören eine unbesiegbare Liebe.

          Man kann sich leicht vorstellen, wie dünn die Linie zwischen anrührender, beredter Bewegung und pathetischem Gefuchtel ist. Und obwohl das Staatsballett Berlin mit Polina Semionova als Titelheldin so herrlich tanzt und spielt, so geschmackvoll, stilsicher, authentisch und virtuos agiert, fühlt man sich oft wie in einem Stummfilm. So fremd ist die Mime auch denen nicht, die Videoclips schauen oder selber Tiktoks produzieren, jene kleinen, zu Playback getanzten und gefilmten Choreographien, die Jugendliche im Netz teilen. Der Unterschied ist nur, dass Tiktoks kaum länger als 15 Sekunden dauern, während die oft schematische Musik von Ludwig Minkus schmerzlich daran erinnert, dass Tschaikowsky nur drei Petipa-Ballette komponiert hat – und nicht dieses.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

           Mehr als 200.000 Gastarbeiter der Millionärsmetropole, tätig allein nur im Baugewerbe, leben in Massenunterkünften, den Dormitories.

          Singapur : Eingeschlossen im Containerdorf

          Der rigide Stadtstaat Singapur hatte sich in der Corona-Krise bisher eigentlich bewährt. Nun aber steht er vor einer Herausforderung: 24.000 Gastarbeiter sind wegen Ansteckungsgefahr isoliert.
          Ist das erlaubt? Ein Mann und eine Frau auf einer Bank im bayerischen Staffelberg.

          Corona-Regeln : Kleinkrieg um die Parkbank

          Was ist erlaubt in Zeiten des Kontaktverbots? In Sachsen müssen Richter klären, wie weit das Lebensumfeld eines Menschen reicht. Und in Bayern wird diskutiert, ob man sich noch mit einem Buch auf die Bank setzen darf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.