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Konzert in Berlin : Teambuilding in freier Wildbahn

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Es nieselt der Regen, es rauschen die Bäume, es erklingt Schubert: Die Berliner Philharmoniker spielen auf der Waldbühne. Bild: Stephan Rabold

Lange mussten Konzertliebhaber auf Live-Events in der Hauptstadt warten. Doch nun führt Kirill Petrenko die Berliner Philharmoniker auf der Waldbühne mit Schubert ins Konzertleben zurück

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          Das Waldhorn lockt. Drei Töne nur, zwei Ganztonschritte nach oben in der Mittellage des Instrumentes, wo Weichheit und Strahlkraft sanft verbunden sind: So lässt Carl Maria von Weber in der „Oberon“-Ouvertüre nach dem gleichnamigen El­fenkönig rufen. Stefan Dohr, Solohornist der Berliner Philharmoniker, spielte in der Berliner Waldbühne diesen Ruf mit unnachahmlicher Zartheit, unmerklich ein­setzend, un- merklich ausklingend, da­bei mit einem Hauch von Vibrato (vielleicht half hier auch die Klangverstärkung aus den Lautsprechern mit). Und als der Ruf zum zweiten Mal ertönt nach dem sinnierenden, traumschläfrigen In­nehalten der Streicher, da folgt ein noch viel zarteres Echo. Wer wollte dieser Lockung widerstehen, ob Elfe oder Mensch.

          Es ist die Verführung auf leise Art, mit der die Philharmoniker das Publikum wieder zu sich zurückholen wollen. Eine ganze „Welcome Back Week“ mit buntem Kammermusikangebot hat das Or­chester dafür an den Beginn der neuen Spielzeit gesetzt, gefeiert werden soll ja nicht nur das Ende der Sommerpause, sondern auch das Ende der fundamentalen Einschränkungen des Konzert- und Spielbetriebes während der Pandemie. 2000 Menschen, genesen, geimpft oder getestet, dürfen in Berlin nun wieder in die großen Säle mit leistungsstarken Lüftungsanlagen. Das klingt fast schon wieder nach Normalität, wenn dann auch das Publikum wieder zahlreich in die Konzerte strömt.

          Ein Auftritt mit Chefdirigent Kirill Petrenko in der Waldbühne (dort findet traditionell der Saisonausklang der Berliner Philharmoniker statt) wurde des­halb als Appetithappen zum Saisonbeginn ins Programm aufgenommen, 6000 Hörer kamen und erlebten im sanften Nieselregen einen Abend, der in der Überwältigungsarchitektur des riesenhaften Freilufttheaters die Intimität suchte. So als gelte es, hier im Freien schon ein Dach zu bauen, unter dem sich das Pu­blikum nach den vergangenen lö­cherigen Spielzeiten wieder versammeln kann. Deshalb auch ein Programm, das neben dem Zarten und Intimen die ge­meinschaftliche Harmonie in den Vordergrund stellt.

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          Franz Schuberts „große C-Dur-Symphonie“ wird im Begleitheft als eines der ersten Werke der Romantik vorgestellt mit seiner Betonung individuellen Empfindens. Zugleich ließ Schubert aber das Konzept der Symphonien Beethovens hinter sich: die Entwicklung des Werkes aus dem Widerstreit von Gegensätzen, die schließlich aufgehoben werden. Harte Gegensätze sucht man in der „großen C-Dur“ vergeblich, die Themen im Kopfsatz ähneln sich mehr, als dass sie sich unterscheiden würden. Die Abweichungen sind fein und kommen vor allem in der Gestaltung von Rhythmus und Klang­farbe zum Ausdruck. Und über allem weht nicht der Geist des Streites, sondern der des Gesangs, chorisch meist, in verschieden großen Gruppen.

          Leichtfüßig mit einem Hauch Dramaturgie

          Wenn nicht gesungen wird, dann wird doch getanzt oder wenigstens beschwingt ausgeschritten. In dieser Hinsicht versteht Kirill Petrenko Schuberts Symphonie ganz entschieden als ein Werk, das auf leichten Füßen geht. Wie beim „Oberon“ beginnt hier das Horn, sogar mit denselben drei aufsteigenden Tönen, um dann sanft weiterzuschreiten, beschwingt und auch ein bisschen schüchtern, denn allein (wenn auch im Einklang mit dem zweiten Horn) singt es sich lange nicht so schön wie in der Gemeinschaft, die bald in Form von Holzbläsern und Streichern sich am Gesang beteiligt. Petrenko, bei den komplexen Werken der Spätromantik ein ­starker Organisator, belässt es hier meist beim Geschehenlassen und gibt ge­rade damit dem Orchester den nötigen Raum zum Singen. Und wenn dann doch unvermittelt Dramatik entsteht, im langsamen, gleichwohl bukolisch tanzenden Satz, hat das bei Petrenko etwas von einer zwar ernsten Verstimmung, die sich allerdings schnell wieder rückstandslos verzieht. Die kleinen Terzen, die sich dissonant auf­türmen und hartnäckig wiederholt werden, bleiben Ausdruck einer Stimmungsschwankung aus gereiztem Magen. Ihm wurden zuvor viele Leckereien zugeführt.

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          Dass all das in der Waldbühne gleichsam in freier Wildbahn zu hören ist, um­geben von hohen Bäumen, in denen der Wind rauscht, hat seine sinnliche wie sinnige Seite: Indirekt, aber doch deutlich zu vernehmen, ist die „große C-Dur“ ein Na­turstück mit ihrem Gestus des Wanderns, mit ihren Illusionen von Nähe und Ferne und, dann doch explizit, mit den imitierten Vogel­stimmen des Scherzo. Hier findet sozusagen Teambuilding auf Natur­exkursion statt: nicht nur für das Orchester, das nach der Sommerpause wieder zu­sammenfinden muss, sondern auch für das Publikum, dem lange nicht mehr die Möglichkeit gegeben war, sich als eine Konzertgemeinschaft zu erleben, und das nun wieder den Weg in die Philharmonie finden soll. Dort findet wieder ein geregelter Konzertbetrieb statt, wie auch das weitere Auftrittsprogramm der Philharmoniker zum Saisonbeginn von frisch er­worbener Normalität erzählt. Auf kleiner Europatournee geht es nach Salzburg, Lu­zern und Paris. Auch da stehen die Höreinladungen von Schubert und Weber auf dem Programm, sie werden nicht nur in Berlin nötig sein.

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