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Kurt Masur und Michael Gielen : Zwei Umstürzler mit dem Taktstock

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Die Politik hat beide Musiker, Masur wie Gielen, durchaus okkupiert. Die Erfahrung des Emigranten hat Gielen im Misstrauen gegenüber allzu selbstsicherer Traditionsgläubigkeit bestärkt, seine ästhetische Offenheit verstärkt. Das Engagement für die Moderne war für ihn auch eine Frage der Moral. Davon zeugten schon seine ersten Wiener Konflikte mit den Gralshütern wahrer Beethoven-Pflege. Masur indes entwickelte sich in der DDR, abgeschirmt gegen den Westen mit seiner „formalistischen“ Avantgarde - und im Bann einer Traditionsverhaftetheit, die von der Wiener nicht grundverschieden war. Nur hieß dies im Bereich des sozialistischen Realismus „Erbepflege“, Kult der großen humanistischen Vergangenheit. Und gerade Leipzig, Stadt Bachs und Mendelssohns, wurde mit Thomanerchor und Gewandhausorchester zum Hort altehrwürdiger deutscher Musikkultur. Der sozialistische deutsche Staat wusste mit dem Pfund zu wuchern, und beide Ensembles avancierten zum Kultur-Exportgut. 1970 wurde Kurt Masur Gewandhauskapellmeister, eine Position, die er siebenundzwanzig Jahre bekleidete. Die er aber auch zum Schutz seiner Musiker, zudem für unzählige Plattenaufnahmen und Auslandstourneen nutzte. Von den Privilegien haben Orchester wie Dirigent vielfach profitiert, nicht zuletzt mit dem Bau des neuen Gewandhauses.

„Nur liebt er mir zu sehr die Toten“

Hector Berlioz schätzte Mendelssohn, spottete trotzdem anlässlich eines Leipzig-Besuches: „Nur liebt er mir zu sehr die Toten.“ Der musikalische Historismus gehört zu Leipzig, und so gingen Masur und sein Orchester gern mit in Leipzig uraufgeführten Werken von Schubert, Mendelssohn, Schumann und Bruckner auf Tournee. Auch der dunkle, deutsche Gewandhaus-Klang trug zum internationalen Renommee bei. Allerdings hat sich Masur auch für die DDR-Komponisten starkgemacht. So oder so war er eine Instanz. Und dass der 9. Oktober 1989 in Leipzig nicht zum Blutbad wurde, war auch seinem souveränen Einsatz für friedliche Vermittlung zu danken. Er war eben nicht nur Kapellmeister. 1991 übernahm er zusätzlich die New Yorker Philharmoniker, die unter ihm Disziplin und Wärme gewannen, wie auch er an Weltläufigkeit, künstlerischer Aufgeschlossenheit und neuer Vitalität. Dass in den langen Gewandhaus-Jahren die Grenzen zwischen Homogenität und Routine bisweilen unscharf wurden, lag an der Dauer der Beziehung.

Gielen, der komponierende Avantgardist, war als Erbe der Schönberg-Schule gewiss kein Traditionsverächter. Nur fühlte er sich dem Neuen verpflichtet, und sein kompositorisches Engagement, berüchtigt scharfes Ohr und energisches Durchsetzungsvermögen prädestinierten ihn für epochale Uraufführungen. Ob die Musikgeschichte ohne ihn ganz anders verlaufen wäre, bleibe dahingestellt. Doch Zimmermanns „Soldaten“ und Ligetis „Requiem“, zentrale Werke von Stockhausen, Kagel, Lachenmann und Rihm wären ohne ihn nicht oder zumindest erheblich später an die Öffentlichkeit gelangt. In einigen Fällen hat er umstürzlerisch den Mythos der Unaufführbarkeit zertrümmert, Konflikte nicht gescheut. In der Sache konnte er hart sein, sogar im Ton scharf, doch stets ging es ihm um die Musik, zum Selbstdarsteller taugte er nicht. Oper hat er seit 1950 dirigiert, gern Mozart wie Wagner.

Aber zum Glücksfall wurde die Berufung zum Frankfurter Opernchef 1977 bis 1987 nicht nur seiner dirigentischen Kompetenz und Stringenz wegen: Die Ära Gielen avancierte zum Modellfall wahrhaft neuen Musiktheaters: Uraufführungen (Zender, Hespos), Erstaufführungen (Nono, Berg), Wiederentdeckungen (Schrekers „Die Gezeichneten“, Busonis „Doktor Faust“) und kühne szenische Neudeutungen (Berghaus, Neuenfels) machten aus dem Frankfurter Haus ein Mekka vielfacher Moderne. Als er 1986 auch das SWR-Orchester Baden-Baden/Freiburg übernahm, wurde er Hauptdirigent der Donaueschinger Uraufführungen, unersetzlich für nicht wenige Novitäten. Seine entschlackten Beethoven-, Bruckner- und Mahler-Wiedergaben gewannen exemplarischen Charakter. Und selbst Bellinis „Norma“ hat er an der Berliner Staatsoper dirigiert, Neues im Alten gesucht. An diesem Mittwoch wird Kurt Masur, am Freitag Michael Gielen fünfundachtzig.

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