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Kurdische Sängerin Aynur : Hier ist die Türkei, sing gefälligst türkisch

Volksmusik galt als reaktionär

1993 war die Familie wegen der politischen Gewalt zwischen der türkischen Armee und kurdischen Rebellen nach Istanbul gezogen. Aynur erlernte das Saiteninstrument Baglama. Es hängt in jedem alevitischen Haushalt und ist den Aleviten fast heilig. Abends sang sie bei den Zusammenkünften von Aleviten, Kurden und Linken, trat bei Konzerten der ebenfalls aus Dersim stammenden Brüder Metin und Kemal Kahraman auf. Kurdisch war weiter verboten, die Türkei wurde von einer „Pop-Welle“ erfasst. Wer traditionelle türkische Volksmusik hörte, galt als reaktionär. Der Konsum wurde vielen alles. Die Menschen kannten Asik Veysel und andere große alevitische Barden nicht mehr. „Das aber ist unsere Kultur“, sagt Aynur. „Wir haben nie Pop gehört, und ich höre so was auch weiterhin nicht.“

Sie scheint zu merken, dass sie in ihrer Muttersprache Kurdisch intensiver singt als in Türkisch. Sie singt meistens von Liebe und Schmerz, Zerstörung und Verlust. Musik spiegle den Zustand eines Landes wider, sagt sie. Die griechische Musik sei daher fröhlicher, die anatolische schwermütiger. Das hat einen Grund: „Drehe ich mich um, sehe ich Leid!“

Zur tagesaktuellen Politik meldet sich Aynur nicht zu Wort, außer wenn es um Frieden geht. Skeptisch sagt sie: „Die Politik kann in der Türkei jederzeit umschlagen.“ Wer vor ein paar Jahren noch positiv gedacht habe, denke heute negativ. Denn in der Türkei sei sichtbar geworden, dass es Türken und Kurden gibt, Lasen und Tscherkessen, Sunniten, Aleviten, christliche Suryani und viele mehr. Das müsse die Gesellschaft erst verdauen. Denn man sei ja mit der Gewissheit groß geworden, dass doch jeder Türke und sunnitischer Muslim sei.

Sie bezeichnet sich als Ethnomusikerin

Sich selbst bezeichnet Aynur als Ethnomusikerin. So entfaltet sich ihre alevitisch-kurdische Seele, die die Dorfgemeinschaft von damals in ihr geformt hat. Aus diesem Umfeld sucht sie ihre Texte. Sie hört den Alten zu, geht in Archive. Einige schreibt sie selbst. Vier CDs sind von ihr seit 2004 erschienen. „Kece Kurdan“ (Kurdisches Mädchen) erzählt zum näselnden Ton der kurdischen Oboe (Duduk) noch vom schweren Leben in Anatolien. „Hevra“ (Zusammen) aber verströmt eine fast mediterrane Aura.

Jetzt kommt „Hevra“ auch in Deutschland auf den Markt (Network/Membran). Entstanden ist das Album in Zusammenarbeit mit dem spanischen Gitarristen Javier Limon, der Aynur erstmals in Spanien gehört hatte. Schwierig sei der Weg von Kece Kurdan bis Hevra nicht gewesen, sagt Aynur. „Wir kommen vielleicht von verschiedenen Punkten, gehen aber aufeinander zu.“ Man müsse nur von einer gemeinsamen Musikempfindung ergriffen werden.

In der Türkei kommt „Hevra“ gut an, auch unter denen, die nur kurdische Musik hören. Schließlich erneuere sich auch die kurdische Musik, sie müsse nur ihrem „Geruch“ treu bleiben. Immer wichtiger wird ihre Fangemeinde in Europa. Von jeder alevitisch-kurdischen Familie leben ein paar Mitglieder in Europa, und sie hören noch mehr Musik als in der Türkei. An Deutschland fasziniert sie, wie viele Konzertsäle, Opernhäuser und Theater es gibt. „In Istanbul haben wir einen großen Konzertsaal, und der wurde in ein Konferenzzentrum umgewandelt.“ Auch ärgert sie, dass ihr die türkische Version der deutschen Gema bis heute eine Vergütung ihrer urheberrechtlich geschützten Werken mit dem Argument verwehrt, dass „Kurdisch“ keine definierte Sprache sei.

Sie, der aserbaidschanische Jazzpianist Salman Gambarov, der Iraner Kayhan Kalhor, der das Streichinstrument Kamanche spielt, und Cemil Qocgiri, der die Laute spielt und frühere Alben Aynurs arrangiert hat, haben ein Quartett gegründet, das erstmals im vergangenen Jahr in Osnabrück auftrat. Mit dem Cellisten Yo-yo Ma und einem Ensemble von fünfzehn Musikern will sie in Istanbul konzertieren. Sie hofft, dass dann keine Sitzkissen mehr auf die Bühne fliegen.

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