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Kunstfest Weimar : Müde vom Warten

Nils Kahnwald in der „Transit“-Bearbeitung nach Anna Seghers. Bild: Krafft Angerer

„Transit“ gehört zu den wichtigsten Werken der Exilliteratur. Gemeinsam mit dem Kunstfest Weimar hat sich Amir Reza Koohestani an eine Adaption gewagt – und ein intimes Kammerspiel entwickelt.

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          Es fängt in einer kargen Amtsstube in Marseille an. Die Rollos sind heruntergelassen. Im Linoleumboden spiegelt sich das Neonlicht. Nummern werden aufgesagt. Auf den Bänken harren Menschen aus und warten auf ein Visum und eine Schiffspassage nach Übersee. Der Krieg hat sie in den Wartestand geführt, ohne Perspektive. Es ist eine Theaterszene, die auf einer europäischen Schicksalserzählung basiert.

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          Anna Seghers Roman „Transit“, erschienen 1942, gehört zu den wichtigsten Werken der Exilliteratur und wurde mehrfach an Theatern verarbeitet. Gemeinsam mit dem diesjährigen Kunstfest Weimar hat sich auch das Thalia Theater Hamburg an eine Adaption der Fluchtgeschichte, die auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkrieges spielt, gewagt. Der iranische Regisseur Amir Reza Koohestani, dessen Stück in Weimar Premiere feierte, hat aus dem Stoff ein intimes Kammerspiel entwickelt, welches den Wahnsinn der Flucht zeigt. Marie, dargestellt von Toini Ruhnke, sucht in Marseille ihren Mann, den Schriftsteller Weidel, der sich wegen der Verfolgung durch die Nationalsozialisten nach Frankreich abgesetzt hat.

          Ein Liebender der die Moral vergisst

          Ein Arzt, gespielt von Oliver Mallison, der nach Mexiko auswandern will und eine Affäre mit Marie angefangen hat, wartet auf ein Schiff nach Oaxaca. Und ein junger Deutscher, dargestellt von Nils Kahnwald, ohne Pass und Identität, ist auf der Suche. Nach was er sucht, das weiß er selbst nicht. In seiner Hand hält er einen Koffer, gefüllt mit Dokumenten, von Weidel, über dessen Schicksal nur er Bescheid weiß. Im Wartesaal treffen ihre Lebensgeschichten aufeinander. Koohestani lässt die Schauspieler stoisch dasitzen, Trenchcoats verdecken ihre Unsicherheiten.

          Nur langsam lösen sich ihre Pokerfaces und setzen die Geschichten frei, die sie an diesen Transitort führen. Sie sprechen zunächst in Monologen, was die bedrückende Atmosphäre ins Unerträgliche steigert – „Im Moment fliehen alle in alle Richtungen, aber sie alle müssen hier her“, sagt der junge Mann ohne Namen – es ist dieser Satz der zu einem Flirt mit Marie führt. Er verliebt sich in sie und muss sie doch belügen, denn was mit Weidel passiert ist, verrät er nicht. Vom Draufgänger entwickelt er sich in einen Liebenden, der die Moral vergisst. „Wenn dich keiner kennt, kannst du jeder sein“ – schreit er im Wartesaal. Von dort an entspinnt sich eine Dreiecksgeschichte, die immer wieder im Warteraum der Botschaft endet, auch weil alle Protagonisten von ihren Fluchterfahrungen traumatisiert sind – „Marie liebt es in der Luft zu schweben. Marseille ist die Stadt für ihre Geschichte“, sagt der Arzt mit ausdrucksloser Miene.

          Für keinen scheint es einen Ausweg zu geben

          Das Bühnenbild besteht aus Sprechkabinen, die von LED-Wänden umrahmt werden. Der Regisseur persifliert damit die kafkaeske Visabürokratie, die keine Individualschicksale kennt, sondern nur Fallnummern. Dabei entwirft er auch eine Zukunftsdystopie – die Interviews zum Erhalt der Visa finden am Automaten statt. Und bei einem Fehler kennt die Künstliche Intelligenz keine Barmherzigkeit: „Ihr Antrag wird ausgesetzt. Ihr Visum für ungültig erklärt“, tönt es aus den Lautsprecherboxen. Und obwohl sich Koohestani auch mit der aktuellen Flüchtlingskrise auseinandersetzt, sind die Verbindungen, die er herstellt, subtil. Beispielsweise als Marie zur Beziehung mit Weidel befragt wird – es entwickelt sich ein Verhör, Scheinehe ist der Vorwurf, um ein Visa zu erhalten. Marie weint. Doch ihr Leben im Wartesaal hört nicht auf.

          Auch andere Beiträge des Kunstfests Weimar, das in diesem Jahr mit dem Untertitel „Bundesgeistesschau“ versehen wurde, widmen sich den Themen Exil und Heimat. So stellen die Regisseure Nuran David Çalış und Tunçay Kulaolu in „438 Tage NSU-Prozess“ das Gerichtsverfahren gegen Beate Zschäpe in siebzehn Episoden nach. Unter anderem lesen Thüringer Landespolitiker wie Benjamin-Immanuel Hoff oder Antje Tillmann in dieser eindrücklichen Lectureperformance die Zeugenprotokolle vor und zeigen dabei die Perversion eines fehlgeleiteten Begriffs von Heimat. Im Gegensatz dazu steht das Projekt „Thüringen – die ganze Wahrheit“ der ACC Galerie Weimar, bei dem zwölf Künstlergruppen in zwölf Thüringer Gemeinden regionale Gerüchte und Fake News künstlerisch verarbeitet haben. Auch dort werden die Folgen von Fehlbehauptungen aufgezeigt. Alle diese Programmpunkte unterstreichen, was Terror und Gewalt aus Menschen machen – in „Transit“ ist das besonders ernüchternd. Für keinen der drei Flüchtlinge scheint es einen Ausweg zu geben, wie es der Namenlose feststellt – „Ich bin müde zu rennen, immer zu warten. Die Flucht ist nur das Umsteigen von einem Rettungsboot aufs nächste, in einem bodenlosen Meer“.

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