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„100 Jahre Kommunismus“ : Die gewalttätige Neufassung der Welt

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„Romeo und Julia“ sucht man vergeblich

Damals war das den stalinistischen Machthabern doch zu viel des Guten, man untersagte die Aufführung wegen „linksradikaler Abweichung und Vulgarität“. 1966, nach Prokofjews Tod, erklang eine um die Stalin-Texte gekürzte Fassung in Moskau und im annektierten Lettland unter Kyrill Kondraschin; erst 1992 wurde die Originalfassung in London unter Neeme Järvi vorgestellt. Dass das Werk seitdem nur selten aufgeführt wird, leuchtet ein – sein ästhetischer Eigenwert ist auch ohne seine vom Komponisten begehrte Zugehörigkeit zur stalinistischen Funktionsmusik eher beschränkt. Die filigrane, hochemotionale Klangkunst aus „Romeo und Julia“ oder „Peter und der Wolf“ sucht man vergeblich. Hier klingen nicht romantische Liebe, Mythos und Natur, sondern tönt und dröhnt der Machterhalt eines als revolutionäre Befreiungsbewegung begonnenen Terrorregimes.

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Kann man diese linke Revolutionskunst so einfach als Kunst feiern? Diese Frage muss sich das Kunstfest gefallen lassen, denn in Programm und Programmheft fehlen insgesamt dringend nötige reflektierende Nuancen. Viele mottobezogenen Programmpunkte funktionieren schlicht dokumentarisch oder erlebnisweltlich. Auch am Kantatenabend ließ der Intendant Christian Holtzhauer die Werkproblematik in seiner launigen Begrüßung beiseite. Er warnte vor der Lautstärke und bat um rechtzeitiges Auspacken von Ohropax, um die Aufführung nicht zu stören. Erste Lacher waren damit gesichert, gute Laune statt Nachdenklichkeit bestimmte den Rest des Abends. Aufarbeitung und Reflexion historischer Ereignisse und ihrer Kunstwerke sehen jedenfalls anders aus. Der GMD der Staatskapelle Weimar, Kirill Karabits, dirigierte energetisch-prononciert und übernahm zur Belustigung des Publikums auch die in ein Megaphon zu brüllenden Passagen des Lenin-Kantatentextes „Wir werden von allem Besitz ergreifen“. Dass ein ukrainischer Dirigent dies mit Verve tut, ist schon ein wenig schaurig.

Reflexionstiefe wird nachgereicht

Die im Konzert fehlende Reflexionstiefe wurde erst in einer Podiumsdiskussion am Sonntag in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek nachgereicht. Die russische Germanistin Irina Scherbakowa und der deutsche Osteuropa-Historiker Karl Schlögel diskutierten über deutsch-russische Beziehungen. Beide unterstrichen angesichts der Ukraine-Krise und der aktuellen Entwicklungen in Russland die Dringlichkeit, im aufklärerischen Dialog zu bleiben. Das Ereignis 1917 und das Kunstfestmotto wurden nur lose gestreift. Doch kritisierte Schlögel die teleologischen Geschichtsnarrative hüben wie drüben als überholt und mahnte eine reflektierte und tiefenscharfe Untersuchung des Revolutionsereignisses an. Scherbakowa problematisierte hingegen die noch heute symbolsatte russische Pathetik, die mit ähnlichen Insignien und Denkmälern argumentiert. Oft führe die Enthistorisierung und Banalisierung von Geschichte im heutigen Russland zur Legitimation für Unrecht.

Es braucht nicht viel Kombinationsgabe, um die geschichtsvergessenen Leerstellen des Konzertereignisses in diesen Diskussionspunkten zu erkennen. Auch Musik wie Prokofjews „Kantate zum 20. Jahrestag der Oktoberrevolution“ verdient analytische Reflexion und Tiefenschärfe, fordert historische Aufklärung und Dialog. Als schlicht in den Raum gestelltes Kunstwerk mit banalen Überwältigungstechniken kann sie weder verstanden noch angemessen gewürdigt werden. Die Höhepunkte des diesjährigen Weimarer Kunstfestes fanden und finden jedenfalls jenseits des Themenschwerpunktes statt.

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