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Kunstfest Weimar eröffnet : Ein energisch in die Zukunft gerichteter Sinn

  • -Aktualisiert am

Leitet das Kunstfest Weimar: Nike Wagner Bild: dpa

Die „Deutsche Sinfonie“ zur Eröffnung des Kunstfests Weimar? Die Entscheidung der Festivalleiterin Nike Wagner, nach Reden von Staatsminister Neumann und der Leiterin der Bundeskulturstiftung, Hortensia Völckers, Eislers Werk spielen zu lassen, kann man mutig nennen.

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          Im Jahr 1935 wurde der Komponist Hanns Eisler, wie er selbst in seinen Gesprächen mit Hans Bunge berichtete, auf „einer Tournee in Amerika müde, jeden Abend über die Kulturbarbarei Deutschlands den Amerikanern was zu erzählen“, und beschloss, „um wieder etwas zu arbeiten“, eine Sinfonie zu schreiben. Daraus wurde die „Deutsche Sinfonie“, eigentlich eine Art Kantate, die auf Texte von Brecht, Ignazio Silone und anderen über Jahrzehnte hinweg entstand und erst 1959 in der Berliner Staatsoper uraufgeführt wurde. Jetzt war das Werk in Weimar zu hören, bei der Eröffnungsveranstaltung „Gedächtnis Buchenwald“ des Kunstfests Weimar „Pèlerinages“, gespielt von der Staatskapelle Weimar unter der Leitung von Lothar Zagrosek.

          Die Entscheidung der Festivalleiterin Nike Wagner, nach den Eröffnungsreden von Staatsminister Bernd Neumann und der Leiterin der Bundeskulturstiftung, Hortensia Völckers, Eislers Werk spielen zu lassen, kann man mutig nennen. Denn die „Deutsche Sinfonie“, die ursprünglich „Konzentrationslagersymphonie“ hätte heißen sollen, verweigert sich dem heute geläufigen Umgang mit den Verbrechen des Nationalsozialismus. Die „rassisch“ begründete Ermordung der Juden thematisiert der Jude Eisler hier nicht, nur das Leiden der Arbeiterschaft und der Kommunisten.

          Wie geht man aber heute mit einem Werk um, dessen erste Gesangsnummer „An die Kämpfer in den Konzentrationslagern“ betitelt ist, das vom Leid nicht schweigt, diesem Leid aber - als für den Klassenkampf notwendig zu erbringendes Opfer - einen energisch in die Zukunft gerichteten Sinn verleiht? Man muss sich daran erinnern, dass in Weimar nach wie vor zwischen Bahnhof und Innenstadt das 1958 vom Dresdner Bildhauer Walter Arnold geschaffene Denkmal Ernst Thälmanns steht. Der KPD-Vorsitzende ballt die rechte Faust, auf der Wand dahinter steht: „Aus Eurem Opfertod wächst unsere sozialistische Tat.“ Diese Einstellung zeigt sich auch in Eislers Werk.

          Zwischen Verwaltungsakt und Empathie

          Die Rede vom Opfertod mag heute niemand mehr hören. Dahinter steht aber doch die Haltung von vielen, die in Buchenwald litten und starben, weil sie ihre Überzeugungen nicht verraten wollten. Thälmanns Denkmal steht auf dem Buchenwaldplatz, Thälmann wurde 1944 in Buchenwald erschossen, wo überwiegend politische Häftlinge, später auch Kriegsgefangene zu Tode kamen. Und da erhebt sich eine moralisch heikle Frage, die von der derzeitigen Gedenkkultur meist beredt beschwiegen wird: Wie wird heute eigentlich der politischen Opfer des Nationalsozialismus gedacht, und insbesondere der Kommunisten? Die Kommunisten gerieten nicht wegen des Zufalls der Geburt oder der sexuellen Orientierung in die Lager, sondern wegen ihrer politischen Ansichten. Heute ist die Geschichte über ihre politischen Ziele hinweggefegt; aber entwertet das ihr Leiden?

          An dieser Frage glitten die Eröffnungsreden jedoch vorbei. Zugleich markierten sie die beiden Extreme, zwischen denen sich das Gedenken an die nationalsozialistischen Verbrechen heute bewegt. Bernd Neumann trug unbewegt vor, was seine Behörde für den Ausbau der Stiftung Gedenkstätten geleistet habe und weiterhin zu leisten gedenke. Das ist Gedenken als Verwaltungsakt. Hortensia Völckers berichtete von einem neunzigjährigen Modeschmuckhersteller und ehemaligen Buchenwald-Insassen in Buenos Aires, Bernardo Hirsch, der vor kurzem ihre Hand gehalten und ihr erklärt habe, sie könne viel wissen, aber sie könne es sich nicht vorstellen, was da passiert sei. Das ist Gedenken als empathische Begegnung mit dem Einzelschicksal. Jenes steht als gefühlsarm, dieses als kitschnah unter Verdacht, und es ist das Verdienst der Redner, die Unzulänglichkeit und zugleich Notwendigkeit beider Ansätze so überzeugend demonstriert zu haben.

          Wo, wenn nicht hier, hätte dieses Werk seinen Platz?

          Die Aufführung von Eislers „Deutscher Sinfonie“ hatte ihre eigenen Probleme. Sie betrafen nicht die beteiligten Kräfte - umsichtig Zagroseks Dirigat, gut die Solisten, allen voran die Altistin Margarete Joswig, vorzüglich die beteiligten Chöre (Gewandhauschor Leipzig, Ernst Senff Chor Berlin) -, sondern das Werk selbst. Dem Komponisten Eisler lag das Hellwache, Kämpferische, auch satirisch Aufspießende, nicht aber das Pathos der großen Form oder der Tonfall der Trauer; und in der Verknüpfung von Dodekaphonie und dem marschierenden Gestus des Kampflieds wollte ihm auch die Synthese der Mittel nicht recht gelingen. Dennoch - wo, wenn nicht hier in Weimar und beim Gedächtnis Buchenwald hätte dieses Werk seinen Platz - und sei es als Erinnerung an historische Formen des Gedenkens?

          Das Kunstfest Weimar findet zum fünften Mal statt. Finanziell sieht es allerdings einer unsicheren Zukunft entgegen, nur noch für das Jahr 2009 ist die Finanzierung durch das Land Thüringen und die Stadt Weimar gesichert, die Unterstützung der Tanz-Medien-Akademie durch die Kulturstiftung des Bundes läuft schon in diesem Jahr aus.

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