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Kunstfest Weimar : Ein queerer Brandauer

  • -Aktualisiert am

Ein queerer Brandauer zum Anfassen: Benny Claessens in Weimar Bild: Candy Welz

Präparatoren-Performance, tiefe Waldgeschichten und ein paar Moralkunststückchen: Auf dem Kunstfest Weimar mischt Benny Claessens mit queerem Theater das Geschehen auf.

          4 Min.

          Endlich Theater! Triumph des Spiels über die Wirklichkeit. Nicht irgendeines Spiels, sondern der schwülstigen, überbordenden, chaotischen Selbstvorstellung eines außergewöhnlichen Darstellers. Benny Claessens, belgischer Theaterrahmensprenger und Unberechenbarkeitskönig, wird im deutschen Theater seit einigen Jahren als Wunderwaffe eingesetzt, als alle Augen und Ohren auf sich ziehendes Präsenzmedium, durch das die nervösen, Grenzen verwischenden Zuckungen unserer Zeit laufen.

          Der 1981 in Antwerpen geborene Claessens führt seinen barocken Körper nicht vor, er knallt ihn den Zuschauern mit voller Wucht aufs Tablett, so dass die gar nicht anders können, als ihn zu lieben oder zu fürchten. Es ist in der Tat eine sehr besondere Gefühlsmischung aus Mitleid und Angst, die Claessens hervorruft. Einerseits nimmt sich sein stolz-schwules Ego alles heraus, bedroht die blasse Konvention, schüchtert ein, behauptet Übermacht; andererseits überspielt es die eigene Versagensfurcht, ist gefährdet und versucht, sich den gnadenlosen Kontrollblicken der Allgemeinheit durch ständige Veränderung zu entziehen. Ein queerer Brandauer. Eine vom Kopf auf die Füße gestellte Rampensau.

          Auftrumpfer und Clown

          Wenn Claessens an diesem Weimarer Spätsommerabend irgendwann kurz vor Mitternacht im Hof einer alten Feuerwache auf einem Bühnengerüst steht, vor ihm ein Tresen aus leuchtenden Glühbirnen, die „Sex“ versprechen, hinter ihm an der kahlen Wand Graffiti von früher, wie er mit nacktem Oberkörper da steht und von seinem Corona-Test erzählt und schwört, es nicht zu haben, kein „Lepra-Kranker“ zu sein und dann, eben noch feixend, auf einmal leise bittet: „Will mich vielleicht jemand anfassen?“, wie er dann wartet und noch mal bittet und wartet und sich schließlich traurig abwendet und schluchzend flüstert „dann eben Grindr“ – da ist er kein Auftrumpfer mehr, keine sexsüchtige Wucht, sondern ein einsamer Clown, einer wie ihn der alte Heinz Rühmann unvergesslich ins Bild gesetzt hat: „Er wollte alle Menschen immer lachen machen und konnte auch die komischen Sachen machen, aber selber gelacht hat er nicht.“

          Dass es ein Text von Sibylle Berg ist, der an diesem Abend uraufgeführt wird, dass in Gestalt von Ersan Mondtag ein sogenanntes Nachwuchstalent Regie führt, bleibt völlig unbeachtet. Es geht hier um Claessens’ Spiel und um nichts anderes. Ihm schaut man vom Hof aus – in dem bei ansteigenden Infektionszahlen auch siebenunddreißig Autos stehen könnten – mit blau blinkenden Kopfhörern zu, wie er vergeblich bei der Autorin anruft, um sich seine Textverweigerung erlauben zu lassen, wie er die Kontrolle über sein Sprechen verliert, sich wahllos Kleider von einer Stange zieht, mit einer billigen Goethe-Plastik verhandelt, dann wieder ein bisschen vorliest – irgendwas von einem mühsam aufwachsenden „Paul“ –, dann abbricht, herumtänzelt und schließlich noch ein Lied von Joni Mitchell singt, und zwar mit einer rockstarken Stimme, die, wäre sie wirklich verstärkt, die Fensterscheiben der Nachbarn erzittern ließe: „I’ve looked at life from both sides now / from up and down and still somehow / It’s life’s illusions I recall / I really don’t know life at all.“

          Kein Zähnefletschen mehr

          Das Kunstfest Weimar hat sich ähnlich wie Salzburg erfolgreich gegen die Umstände gestemmt und mit aller Kraft ein Programm präsentiert, das so umfangreich ist, als gelte es vor allem zu beweisen, dass trotz Corona nicht nur einiges, sondern sehr vieles möglich ist. An einem Tag kann man hier zum Beispiel eine Präparatoren-Performance miterleben, in deren Verlauf ein echter Waschbär ausgestopft wird. Mit deutlichem Verweis auf Beuys und die Folgen hat das junge Leipziger Kollektiv Hecke/Rauter/Willmann sich die auratische Aufladung des Tierkörpers zum Thema gemacht und mit dem Dialog dreier Schauspieler über die Oberflächlichkeit unserer Trauer-Kultur kombiniert. Spannend sind vor allem die eingespielten Interviews mit Präparatoren, die von ihrer Arbeit als Ausdruck des Zeitgeistes sprechen: Dass heute beispielsweise ein Wolf nicht mehr zähnefletschend aufbewahrt werde, entspreche der allgemeinen emotionalen Neutralität unserer Tage.

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