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Kunstfest „Pèlerinages“ : Das Feuer der Empörung und der tragischen Musik

  • -Aktualisiert am

Der Aufrüttler: Stéphane Hessel hielt die Gedenkrede zur Eröffung des Kunstfestes Weimar Bild: dpa

Er hat Buchenwald überlebt, jetzt spricht Stéphane Hessel vor einem Gedächtniskonzert an das Konzentrationslager bei Weimar zur Eröffnung des Kunstfests „Pèlerinages“. Eindrucksvolle Worte, gefolgt von eindrucksvoller Musik.

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          Er wirkt zerbrechlich und doch fast jugendlich beschwingt, wie er gegen die Widrigkeiten seines Alters ankämpft und energisch Stufe für Stufe das Podium erklimmt: „Also Sie sehen, es geht gerade noch die Treppe herauf. Und hier stehe ich, berauscht davon, dass dieser wunderbare Saal, die Weimarhalle, mich empfängt.“ Stéphane Hessel, der 93 Jahre alte ehemalige Résistancekämpfer, den seine Kampfschriften „Empört euch!“ und „Engagiert euch!“ schlagartig zum Bestseller-Autor gemacht haben, ist als ein an die Autonomie des Individuums und an die Überwindung eines fatalistischen Ohnmachtsempfindens appellierender Aufrüttler unterwegs.

          Seine frei gehaltene Rede beim Gedächtniskonzert Buchenwald zur Eröffnung des Weimarer Kunstfests „Pèlerinages“ liefert keine Analysen und propagiert keine politischen Programme. Stattdessen wirft Hessel mit ansteckender Emphase noch einmal die Hauptthesen seiner Pamphlete in den Saal: die fundamentale Kritik am Finanzkapitalismus, an der Aushöhlung sozialer Rechte, an der zunehmend brutaler werdenden Kluft zwischen Arm und Reich, am ökologischen Zustand der Erde. So redet einer, der keine Zeit für Nebensächlichkeiten mehr hat und auf die Notwendigkeiten hinlenken will: „Habt Mut! Habt Vertrauen! Die Welt kann so aufgebaut werden, dass man ihrer würdig ist.“

          Jedem anderen Sprecher hätte man manches Wort dieser Rede auf die Goldwaage gelegt: die Würdigung des Konzentrationslagers Buchenwald als der Geburtsstätte des Europa-Gedankens; den Aufruf, gerade Deutschland könne und müsse aufgrund seiner Geschichte Europas stärkste Nation werden. Diesem Mann aber, der als Widerstandskämpfer gefasst und gefoltert wurde, der die Lager Buchenwald und Mittelbau-Dora unter dramatischsten Umständen überlebte, um nach dem Ende des Kriegs in den diplomatischen Dienst Frankreichs einzutreten und 1948 an der Verfassung der Menschenrechte mitzuwirken - diesem Menschen nimmt man die riskant verknappten Formulierungen seiner Rede ab.

          Dirigent David Afkham probt in Weimar mit dem Young Philharmonic Orchestra Jerusalem Weimar

          Eindringlicher Dialog

          Dass Menschen über diese Macht zur Veränderung grundsätzlich verfügen, ist die Botschaft, die er vermittelt - und wohl auch jene Nike Wagners, der künstlerischen Leiterin des dieses Jahr unter dem Motto „Vision“ stehenden Pèlerinages-Festivals. Einer Vision verdankt sich auch die jüngste Gründung des aus Studierenden der Musikhochschulen in Weimar und in Jerusalem bestehende Young Philharmonic Orchestra Jerusalem Weimar, das mit der Bestreitung des musikalischen Teils der Veranstaltung seinen allerersten Auftritt absolvierte. Unter der Leitung des 27 Jahre alten Dirigenten David Afkham waren Werke von Viktor Ullmann, Karl-Amadeus Hartmann und Johannes Brahms zu hören. Der außerordentlich begabte, zuletzt 2010 mit dem Young Conductors Award ausgezeichnete und seither am Beginn einer internationalen Karriere stehende Afkham drohte in den wenigen Proben, die ihm zur Verfügung standen, wohl einige Male beinahe zu verzweifeln, angesichts einer Konstellation von Musikern, die - zum Teil vollständig unerfahren im Orchesterspiel - bislang tatsächlich nur die mal undeutlichere, mal schärfere Vision eines konturierten Klangbilds liefern konnten. Dennoch gelang der Abend mehr als nur achtbar dank der agogisch und dynamisch höchst differenzierten Interpretation Afkhams und dank einer klugen und stimmigen Werkauswahl.

          Ullmann komponierte seine Klaviersonate Nr. 7 1944 in Theresienstadt, wenige Wochen vor seinem Abtransport ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Das Manuskript lässt erkennen, dass Ullmann geplant hatte, das Stück für Orchester zu setzen; ein Wunsch, den der israelische Komponist Michael Wolpe, ein Großneffe von Stefan Wolpe, vor einigen Jahren ausführte. Den Variationen des Sonaten-Schlusssatzes über ein Lied Yehuda Sharets, das Ähnlichkeiten zu der von den Nationalsozialisten verbotenen slowakischen Nationalhymne wie auch zum Hussitenchoral „Die ihr Streiter Gottes seid“ aufweist, verlieh Afkham mit dem ihm aufmerksam folgenden Musikern den Charakter eines eindringlichen Dialogs.

          Pointierte Rhythmisierung

          Nicht gleichermaßen gewachsen zeigte sich das Orchester dagegen dem klanglichen Raffinement von Hartmanns im Jahr 1939 bereits den Opfern des Nationalsozialismus zugedachten „Concerto funèbre“, das den genannten Hussitenchoral als ein Symbol der tschechischen Freiheitsbewegung im Part der Solovioline gleich zu Beginn zitiert. Atmend und strömend entwickelte sich der große Trauergesang des ersten Satzes, doch den dunklen Aufsässigkeiten des zweiten, dessen schwarzer Spuk sich allmählich zu einer atemlosen Hetzjagd steigert, fehlte es etwas an Schärfe und Prägnanz. Und auch die Solopartien des junge rumänischen Geigers Dragos Mihail Mânza hätte man sich ein wenig zupackender und voller im Ton gewünscht.

          Afkhams Interpretation der Tragischen Ouvertüre von Johannes Brahms schließlich ließ sein Gespür für Stimmungsschattierungen, eine höchst differenzierte Gestaltung der Dynamik und einen elastischen Umgang mit den Tempi erkennen. Nicht wuchtig hob das d-Moll-Thema der Streicher an, sondern geradezu erhaben in seinen großen, wellenartig sich entfaltenden Bögen, zugleich auch voll latenter explosiver Energie in den pointierten Rhythmisierungen. Etwas von einer solchen Feurigkeit, wie sie Brahms in diese Komposition gelegt hat, sah man nach der Veranstaltung noch einmal in Stéphane Hessels verschmitztem Blick aufblitzen. Da saß er beim Wein im „Russischen Hof“ und gab sich einer seiner Leidenschaften hin, indem er auswendig Gedichte rezitierte: Rilkes „Leda“ und danach, mit großer Verwegenheit, die noch dramatischeren Verse des Sonetts „Leda and the Swan“ von William Butler Yeats. Unfassbar, wie viel Leben in einem einzigen Menschen stecken kann.

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