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Berliner Staatsoper : Trunken von Traum und Trieb

Paarweise: Xavier Sabata, Anna Prohaska, (stehend links), Gyula Orendt, Max Emanuel Cencic (kniend, rechts) Bild: Joachim Fieguth

Die Berliner Staatsoper Unter den Linden, 275 Jahre alt, zeigt mit „Hänsel und Gretel“ ebenso wie mit der „Krönung der Poppea“ Musiktheater von Spitzenrang.

          Draußen heftiges Schneegestöber, drinnen keine Heizung außer Kerzen, überall Gerüste, das Deckengemälde und der Wandzierrat unfertig, die Bänke so hart, dass man nach „Cesare e Cleopatra“ von Carl Heinrich Graun vermutlich Hornhaut am Sitzfleisch hatte – so wurde vor 275 Jahren, am 7. Dezember 1742, das erste frei stehende Opernhaus Deutschlands und das damals größte in Europa eröffnet: die Hofoper von Preußens König Friedrich II. am Berliner Reitweg Unter den Linden.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Programmheft zum Jubiläumskonzert und das liebevoll aufgemachte Buch im Hanser Verlag, „Diese kostbaren Augenblicke“, breiten solche Details noch einmal aus, als Entschuldigung und Selbstermunterung gleichermaßen. Denn auch jetzt, nach sieben Jahren Sanierung, ist noch längst nicht alles fertig: Die Theaterkasse steht weiterhin als Box vor dem Haus; Kostüm- und Maskenbildnerei behelfen sich mit Provisorien; das Saallicht lässt sich nur dimmen, aber nicht ausschalten zur Vorstellung; die Proben zu den ersten Premieren – Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“ sowie Claudio Monteverdis „Krönung der Poppea“ – waren täglich durch Bauarbeiten unterbrochen worden. Unter solchen Bedingungen Theater zu machen verdient allein schon Bewunderung.

          Behagliche Intimität

          Es sei „ein Beleg für politisches Urteilsvermögen und menschliche Größe“, dass man dieses Haus in der Gestalt, die es nach seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg durch den Wiederaufbau 1955 gefunden hat, erhalten habe, sagt der ehemalige Bundestagspräsident Norbert Lammert in seiner Festrede. Die Bemerkung ist ein erfreulicher Epilog zur unerfreulichen Diskussion um das erfundene Rokoko des Architekten Richard Paulick, das sich an die Formensprache des Ursprungsbaus von Georg Wenzelslaus von Knobelsdorff anlehnt. Lammert gibt en passant seine fritzische Gesinnung zu erkennen, wenn er Friedrich „den Großen“ nennt und ihn lobt für seine kulturpolitischen Verdienste ebenso – ! – wie für seine militärischen. Doch das politische Urteilsvermögen unserer Zeit scheint auch siebzig Jahre nach der Auflösung des Staates Preußen durch die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs noch derart verunsichert, dass man die Familie des vormals regierenden preußischen Königshauses nicht in die Feier einbezogen hat. Es wäre eine Geste der Souveränität und der menschlichen Größe gewesen; immerhin war das Haus 176 Jahre lang preußische Hofoper; immerhin hat das Königshaus Künstler wie Giacomo Meyerbeer, Felix Mendelssohn Bartholdy und Richard Strauss hierhergeholt. In München zeigt man sich gegenüber dem Haus Bayern längst nicht so verklemmt.

          Hänsel im Griff der Hexe

          Aber glücklich – sogar „überglücklich“, wie Daniel Barenboim sagt – darf Berlin schon sein. Der Saal klingt schön, trennscharf, dabei warm. Und auch wenn beim Festkonzert der Staatskapelle unter Barenboims Leitung das Scherzo aus Mendelssohns Musik zum „Sommernachtstraum“ längst nicht so elektrisierend knistert, wie man sich das denken könnte, so ist es doch erstaunlich, dass die Bühnenauskleidung als „Konzertzimmer“ dem so postheroisch-bürgerlichen „Heldenleben“ von Strauss eine behagliche Intimität schenkt.

          Mit Reifröcken und spanischen Halskrausen

          Das ist gewiss die größte architektonische und akustische Kostbarkeit dieses Hauses: Nähe. Bei Achim Freyers Inszenierung von „Hänsel und Gretel“ sitzt man wie im Herzinneren eines Kindes. Es ist ein dunkler Raum von Traum und Lust, von Angst und Wünschen, von einer Phantasie, die Ungeheures gebiert: eine Kreuzspinne als lieber Gott im Himmel, eine Riesenkatze, an deren Zunge weiße Mäuse kleben, und eine Hexe mit Wurstlippen und Kaffeetassenhut.

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