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Berliner Staatsoper : Trunken von Traum und Trieb

Freyer hat an diesem Haus 1968 das Bühnenbild für den „Barbier von Sevilla“ in der Inszenierung von Ruth Berghaus gemacht. Sie ist immer noch im Repertoire. Dass man ihm, mittlerweile 83 Jahre alt, die erste Operninszenierung am wiedereröffneten Haus übertrug, zeugt ebenso von sensibler Traditionspflege wie die musikalische Besetzung. Roman Trekel als Besenbinder Peter ist noch eine Entdeckung des alten Intendanten Hans Pischner gewesen. Und Sebastian Weigle, einst Hornist der Staatskapelle, leitet die Oper nun als Dirigent mit tiefem Verständnis für deren Waldromantik und für die Empfindlichkeit des Märchentons: Das behutsamste Pianissimo des Orchesters legt er unter die zauberhaft klaren Stimmen von Katrin Wundsam als Hänsel und Elsa Dreisig als Gretel. Dann beten sie den Abendsegen. Freyers Inszenierung, die Hänsel, Gretel und Hexe hinter Puppenköpfen versteckt, wendet sich an kindliche Betrachter, für die Handlung wichtiger ist als Ausdruck, Symbol wichtiger als Innigkeit. Und doch wird der Traum nach dem Abendsegen Zerrspiegel der Wirklichkeit, so wie das Märchen Bewältigung von Angst ist – nicht durch Analyse, sondern durch Bilder, die all dem Gestalt geben, was in der Seele diffus bleibt. Traumtrunken und märchenwelthellsichtig ist die Magie dieses Theaters, das die Welt verarbeitet, ohne sie zu erklären.

Das Seziermesser – auch das Rasiermesser – hingegen setzt einen Tag später Eva-Maria Höckmayr an für ihre Inszenierung von Claudio Monteverdis Oper „L’incoronazione di Poppea“. Zwei Körperwelten stellt sie einander gegenüber: den repräsentativen, sozialen Körper und den biologischen. Das Repräsentative gehorcht einer festen Kleiderordnung – mit Reifröcken und spanischen Halskrausen von Julia Rösler – sowie einem kreisenden Zeremoniell auf der abstrakten Bühne von Jens Kilian. Das Biologische entlädt sich in immer neuen Pas de deux und Pas de trois der sexuellen Hörigkeit von keuchend-heißer Drastik.

Musiktheater von Spitzenrang

Nero und Poppea paaren sich in allen Stellungen, gar zu dritt, weil Poppea begriffen hat, dass Nero auch einen Mann liebt: Lukan. Das zivilisationspessimistische Fazit dieses Stücks, dass nämlich sexuelle Energie sich nicht zähmen lässt, wird von Höckmayr mit aller Grausamkeit gezogen. Sogar der Leichnam des toten Seneca, der sich mit einem Rasiermesser die Halsschlagader durchschnitt, vermag die Triebgetriebenen allenfalls zu erschrecken, gebietet ihnen aber keinen Einhalt. Nur das Zittern der Poppea im Moment ihrer Krönung verrät die psychosomatische Abstoßungsreaktion des biologischen Körpers gegen den repräsentativen – während umgekehrt zuvor in der Entkleidung der Kaiserin Octavia mit dem sozialen Körper zugleich der biologische geschändet wurde.

Anna Prohaska als kaltblütiges Strategieflittchen Poppea legt alle nur denkbaren Nuancen des Gurrens, Girrens, Höhnens und Stöhnens in ihren Sopran, dass man sich gar keine andere Sängerin mehr in dieser Rolle vorstellen kann. Ihr steht der Countertenor Max Emanuel Cenčić gegenüber, glänzend vor aggressiver Brillanz, ein sprungbereites, treffsicheres vokales Biest von Nero. Durchdringend, auch in den matten Farben noch intensiv, setzt der Countertenor Xavier Sabata als Otho seine Stimme ein und geradezu athletisch seinen Körper in den Momenten verzweifelten Selbstopfers. Mit dem lockend sanften Bariton von Gyula Orendt als Lukan, dem salbungsvollen Bass von Franz-Josef Selig als Seneca und dem hoheitsvoll strahlenden Mezzosopran von Katharina Kammerloher als Kaiserin Octavia sind auch weitere Rollen so exzellent besetzt, wie sich das nur wenige Opernhäuser derzeit leisten können.

Diego Fasolis hat die fragmentarische Partitur durch Kompositionen der Zeit ergänzt, leider die Götterrollen fast alle gestrichen, treibt aber die Akademie für Alte Musik Berlin durch seine Leitung hinein in eine Leidenschaft, die heißes Blut in die barocke Rhetorik pumpt. Das ist Musiktheater von Spitzenrang. Darüber freue sich nun getrost die Stadt und der Erdkreis.

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