https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/krise-des-schauspiels-das-theater-schafft-sich-ab-1624830.html

Krise des Schauspiels : Das Theater schafft sich ab

  • -Aktualisiert am
Eine Ausnahmedarstellerin: Birgit Minichmayr wirft in Wien das Handtuch

Eine Ausnahmedarstellerin: Birgit Minichmayr wirft in Wien das Handtuch Bild: dpa

Birgit Minichmayr will am Wiener Burgtheater nicht mehr Wedekinds „Lulu“ spielen. Einzelfall oder Symptom einer generellen Krise? Auf den Bühnen wagt man keine Grenzgänge mehr. Der Erfolgsdruck entmachtet die Phantasie.

          6 Min.

          „Schreib ja nicht gut über mich!“, flüsterte mir Peter Zadek zu und strich sich dabei zärtlich über seine Glatze. Später ein Anruf des damaligen Burgtheaterintendanten Klaus Bachler: „Hiermit verbiete ich dir, über die Proben zu ,Der Jude von Malta' öffentlich zu berichten.“ Das Theater verliert merklich an Humor, Zadek meinte mit „Schreib ja nicht gut über mich!“, er fürchte, ich schriebe nicht ausführlich genug über ihn. „Warum gibt sich das Theater so verkrampft und kleinkariert?“, frage ich Zadek: „Die Juden sterben aus, die Söhne der Nazis werden heute Intendanten.“

          Das Berliner Theaterfestival (vom 6. bis 22. Mai) kündigt zehn Inszenierungen an. Die Jury, vermutlich der Hochkultur verpflichtet, zeigt uns fünf Dramen, die wir alle kennen, und fünf neue Stücke. Das Theater muss sich erneuern, sagt sich Jury-Vordenker Franz Wille. Das Stärkste, was der Mensch hat, ist Wille. Ich lernte ihn noch als lustigen Dramaturgen unter Hübner kennen. Der Mann scheint so viele Hiebe abbekommen zu haben, dass er aus Angst den Schutzmantel eines Kritikers angenommen hat und nun einen Rachefeldzug gegen sich selbst führt.

          Was Franz Wille und seine Redakteure von „Theater heute“ schreiben, wird in den ahnungslosen Kulturabteilungen der Städte umgesetzt. „Theater heute“ ist kein Gesetzesblatt, es hat eine Auflage von 15.000, aber behauptet, das Grundgesetz der Theaterkultur zu sein. Niemand wagt Kritik an diesen lüsternen Theateruntergangsphantasien, die arrogant und selbstgefällig daherkommen. „Theater heute“ bestimmt, wer überlebt, wer hochgespielt wird und wer wieder fällt. Und Politiker und Intendanten fürchten dieses auf Hochglanz polierte Provinzblättchen.

          Matthias Hartmann führt das Burgtheater mit harter Hand
          Matthias Hartmann führt das Burgtheater mit harter Hand : Bild: REUTERS

          Was will Wille? Er wählt, kürt, seziert Theaterinszenierungen und terrorisiert die Theaterszene. Wo der Wille ist, wird das Theater zur Ideologie. Wille will alles anders, alles neu, er wettert gegen den Guckkasten. Allein die Ankündigung, dass die Jury des Theatertreffens im Zuschauerraum sitzt, führt zu hysterischen Ausbrüchen.

          Wo ein Wille ist

          2011 werden wieder „Kirschgarten“ oder „Don Carlos“ gespielt. Wir haben sie in Hamburg, in München, in Paris und sogar in Wien schon gesehen. Grund, die Wiederentdeckung zu feiern. Aber wer feiert hier wen und warum? Alles, was hier stattfindet, passiert ohne Not. Subvention ist Geld für den Widerspruch. Wille vergisst, das Theater auch Theater sein dürfen muss. Jetzt hat sich das Theater ohne Not neoliberalistisch dem Quotendenken geöffnet und hält sich auch mit seinem fliegenden Personal für einen Teil der Entertainmentindustrie. Dieses Theater erstickt an seiner Selbstverliebtheit. Da halten die Scherenschnitte von Bob Wilson noch länger durch, und da macht es auch nichts, wenn ein kleines Mädchen namens „Lulu“ mit einer 67-jährigen genialen Angela Winkler besetzt wurde. Das Theater dreht sich im Kreise der Impotenz und ist dabei, sich selbst abzuschaffen.

          Matthias Hartmann in Bochum, dann in Zürich, jetzt kriegt er in Wien sein Fett weg. Die Stadt läuft Amok. Österreich ist empört. Da setzt oft das Denken aus. Die Gratiszeitung „Heute“ titelt: „Aufstand gegen den Intendanten Hartmann“, der „Kurier“ lügt: „Der Intendant hat geweint.“ Das war immer so in Wien, sie zerreißen sich die Mäuler, die wenigsten wissen warum. Starke Worte, die in einem Land mit 35 Prozent Wählern der rechten FPÖ von Haiderklon und Burschenschafter Heinz-Christian Strache Kultur ausdrückt: „Mehr österreichisches Liedgut für die Schüler.“ Die Faschisten hatten schon immer Angst vorm Theater.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Da war er schon Reichskanzler: Adolf Hitler mit Reichspräsident Paul von Hindenburg

          Vor 90 Jahren : Als Hindenburg Hitler zum Reichskanzler ernannte

          Der Führer der Nationalsozialisten wurde im In- und Ausland lange sträflich unterschätzt. Widerstand regte sich erst, als es zu spät war. An den Folgen trägt nicht nur Deutschland bis heute schwer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.